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13.08.2015

Südsudan: Ein Land ohne Hoffnung?

4,5 Millionen Menschen im Südsudan sind von einer Hungerkatastrophe bedroht. 2 Millionen sind auf der Flucht.

Hoffnung – Die hat Amer Anyth schon länger verloren. Mit leerem Blick starrt sie in die Ferne. Vier Kinder sitzen neben ihr am Boden und spielen mit einer leeren Plastikflasche. Davon gibt es hier viele, im Flüchtlingslager in Juba, der Hauptstadt des Südsudans. Ein Zelt, nicht einmal drei Quadratmeter groß, steht dicht neben das andere gedrängt. Der Ort gleicht mehr einer großen Müllhalde. Es hat gefühlte 38 Grad und der Gestank scheint unerträglich. Doch 6.400 Menschen nennen diesen Platz ihr Zuhause. Der Grund: Seit 2011 tobt ein blutiger Bürgerkrieg zwischen den größten Ethnien des Landes; den Nuer und den Dinka. "Die Gefechte haben am Nachmittag begonnen. Überall hat man Schüsse gehört. Ich habe nur gehofft, dass es bald aufhört. Doch sie haben die ganze Nacht lang geschossen. Die Gewehrsalben kamen immer näher. Menschen wurden vor unserem Haus erschossen."

 

 

Amer Anyth, spricht zögerlich, wenn sie von ihrer Flucht vor zwei Jahren aus Bor erzählt. Das liegt im Nordosten des Landes. Verlassen will die 38-Jährige das Camp nicht mehr, denn zu groß ist ihre Angst vor dem Krieg: "Die Lebensmittel im Flüchtlingslager reichen nicht für meine Familie. Meistens  essen wir nur am Abend eine Kleinigkeit. Erst dann können wir uns sicher sein, ob es für den nächsten Tag genug Nahrung im Camp gibt. Diese Ungewissheit ist furchtbar." Amer Anyths Kinder sind zwischen fünf und 16 Jahren.  Bevor der Krieg begonnen hat, war sie Assistenzärztin. Im Camp bietet sie ehrenamtlich ihre Hilfe an: "Es gibt kaum sauberes Wasser. Also müssen wir schmutziges Wasser trinken. Moskitonetze, die uns in der Regenzeit vor Malaria schützen sollten, fehlen ebenso. Krankheiten wie Typhus, Cholera und eben Malaria sind alltäglich. Medikamente werden nur einmal in der Woche gebracht. Ich weiß nicht, wie ich meine Kinder versorgen soll. Ich habe keine Hoffnung mehr."


Frieden ist nicht in Sicht

Der UNO zufolge sind im Südsudan mehr als 4,5 Millionen von insgesamt etwa zwölf Millionen akut vom Hunger bedroht. 250.000 Kinder leiden an Unterernährung. Die Caritas Österreich spricht von einer humanitären Katastrophe. Doch wie konnte es mit einem Land so weit kommen, das 2011 noch die Unabhängigkeit gefeiert hat und auf Frieden hoffte. Damals war die Euphorie groß. Nach jahrzehntelangen Auseinandersetzungen und zwei Bürgerkriegen seit dem Ende der britischen Kolonialherrschaft 1956, hatte der christliche Süden, seine Eigenständigkeit gegen den arabischen Norden erkämpft. Doch nun herrscht wieder Krieg. John Ashworth arbeitet seit 35 Jahren im Südsudan und  erklärt die Hintergründe des Konfliktes: "Es hat im Dezember 2013 begonnen. In der Hauptstadt Juba gab es heftige Kämpfe. Der südsudanische Präsident Salva Kiir und Angehöriger der Dinka hat den Vizepräsidenten Riek Machar entlassen, der zu den Nuer gehört. Die Regierung sprach von einem Putschversuch Machars, was dieser bis heute dementiert. So wurde das Land gespalten. Es ist aber nicht nur ein ethnischer Konflikt. Der Bürgerkrieg hat begonnen, weil zwei politische Machthaber alleine die Macht wollten."


Der Südsudan habe noch nie eine positive Identität gehabt, außer Krieg, meint John Ashworth. Es dauere lange, bis sich eine militärische Bewegung in eine demokratische Regierung wandelt. Man dürfe nicht vergessen, dass dieser Staat erst vor vier Jahren gegründet wurde: "Friedensverhandlungen funktionieren nur dann, wenn beide Seiten dafür bereit sind. Derzeit ist der Friede nicht die gewollte Option. Beide Parteien erhoffen sich noch Erfolge durch militärische Maßnahmen und erst dann wird über Frieden gesprochen."


Die Caritas hilft

Die Menschen im Südsudan sind frustriert. Denn das Land ist abgeschottet und  ein Großteil der Güter muss importiert werden. Ein Stück Kohl kostet zum Beispiel drei Euro. Die Hälfte der Bevölkerung hat jedoch weniger als einen Euro pro Tag zur Verfügung.   In diesem instabilen Land hilft die Caritas Österreich. Zum Beispiel mit einer „Baby Feeding Station“, die von der Vinzenzgemeinschaft errichtet wurde. 105 Kleinkinder werden hier mit Lebensmittel versorgt. Zuständig für die Projekte ist Marlin Gabriel: "Besonders Kinder unter fünf Jahren werden hier gefüttert. Überlebenswichtig für die umliegenden Gemeinden. Als wir begonnen haben, waren diese Kinder in einem ganz schlechten Zustand.  Heute geht es ihnen durch dieses Programm schon viel besser. Montag, Mittwoch und Freitag können die Familien uns besuchen. Dann haben wir gesehen, dass die Kinder ab 6 Jahren auch eine Ausbildung brauchen. Also haben wir auch eine kleine Schule errichtet. Das ist aber nur durch Spenden finanzierbar."


Hier bekommen die Kinder Reis mit Ei, Bohnen und Brot und manchmal gibt es auch Huhn. Zuhause müssen die Familien Obst und Gemüse im Garten anbauen. Doch oft fehlt das landwirtschaftliche Wissen und die Ernte reicht nicht aus: "Unsere Tür steht für jeden offen. Natürlich haben wir auch Mitarbeiter, die sich in den Dörfern umschauen und unterernährte Familien herbringen. Zudem zeigen wir auch den Frauen, wie sie effizient Obst und Gemüse anbauen. Wir würden gerne jeden Tag Mahlzeiten ausgeben, aber dafür fehlt uns das Geld. Vor allem montags kommen die Kinder sehr hungrig zu uns.  Weil wir ja Samstag und Sonntag geschlossen haben. Aber die Kinder sind immer hungrig, sie würden auch jede Stunde vorbeikommen, um zu essen."