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19.08.2015

Asyl: Landau lobt Neudörfl als Gegenmodell zu Traiskirchen

Caritaspräsident fordert bei Besuch des Hauses "Sarah", "Hilfs- statt Grenzeinsätze".

Neudörfl sei "ein Synonym dafür, dass eine menschliche Asylpolitik nicht nur hier in der Gemeinde, sondern darüber hinaus im Burgenland und in ganz Österreich möglich ist". In Bezug auf den Umgang mit Asylwerbern betrachtet Caritas-Präsident Michael Landau die Marktgemeinde unweit von Wiener Neustadt als Gegenmodell zu dem rund 20 Kilometer entfernten Traiskirchen und der dortigen "humanitären Katastrophe".

 

Im von der Caritas geführten "Haus Sarah" in Neudörfl sind derzeit 56 großteils unbegleitete minderjährige Flüchtlinge (UMF) untergebracht und werden kompetent sozialpädagogisch betreut. Landau besuchte die Einrichtung am Mittwoch, 19. August 2015 gemeinsam mit dem burgenländischen Landeshauptmann Hans Niessl, Landesrat Norbert Darabos und SPÖ-Bürgermeister Dieter Posch.

 

„Verabscheuungswürdiger Wettkampf“

Der Besuch erfolge nicht allein vor dem Hintergrund, weil das Haus Sarah so vorbildlich geführt werde, so Caritaspräsident Landau: "Wir sind heute hier, weil die Zustände in Traiskirchen so dramatisch sind", weil die meisten Bundesländer die vereinbarten Quoten bei der Flüchtlingsaufnahme nicht erfüllen und weil auch die meisten der knapp 2.100 Gemeinden in ganz Österreich noch immer keinen einzigen Asylwerber beherbergen.

 

Unter verantwortlichen Politikern sei "ein verabscheuungswürdiger Wettkampf entbrannt, frei nach dem Motto: Wer schützt seine Bürger am besten vor schutzsuchenden Menschen?", sagte der Caritas-Chef wörtlich. Der für seine klaren Aussagen zur Asylpolitik bekannt gewordene Bürgermeister von Neudörfl ("Verliere lieber ein paar Stimmen als mein Gesicht") zeigt laut Landau, das eine von Menschlichkeit geprägter Umgang mit Flüchtlingen bei entsprechendem politischen Willen möglich ist und von der Bevölkerung mitgetragen wird. Er wünsche sich auch anderswo "mehr Mut zur Menschlichkeit, wie er in Neudörfl heute schon gelebt wird", sagte der Caritas-Präsident. Einmal mehr hielt Landau fest: "Flucht ist kein Verbrechen und Asyl ein Menschenrecht." Nicht jeder, der Asyl beantragt, werde auch Asyl erhalten. Aber jeder habe das Recht auf ein anständiges Verfahren.

 

„Gewissens- statt Volksbefragung“

Zum Thema Volksbefragung zum Asylthema, das von der FPÖ nach beschlossenem Durchgriffsrecht des Bundes bei der Schaffung von Unterkünften aufs Tapet gebracht wurde und auch im Burgenland diskutiert wird, sagte Landau unmissverständlich: "Wir brauchen eine Gewissensbefragung und keine Volksbefragung." Jeder stehe letztlich vor der Frage: "Wollen wir wirklich in einem Land leben, in dem Kinder und Schwangere in einer Bundesbetreuungsstelle zur Obdachlosigkeit verurteilt sind? Wollen wir wirklich in Städten und Gemeinden leben, wo mit dem Verweis auf behördliche Auflagen gegen die wichtigste Auflage - die Auflage Menschlichkeit - verstoßen werden kann?"

 

Hilfs- nicht Grenzeinsätze gebraucht

Mit Blick auf Traiskirchen äußerte Landau die Überzeugung: "Wir brauchen Hilfs- statt Grenzeinsätze!" Es gelte das Know-How von Hilfsorganisationen, aber auch jenes des katastrophenerfahrenen Bundesheeres zu nutzen, um heimatvertriebenen Menschen eine sichere Zuflucht bieten zu können. "Wir brauchen in Österreich keine Eisernen Vorhänge, wie sie derzeit in Ungarn oder Bulgarien wieder hochgezogen werden", betonte der Caritas-Präsident. Notwendig seien vielmehr mutige Bürgermeister, "lösungsorientierte Landeshauptleute, eine an den konkreten Nöten der Menschen Maß nehmende Politik auf Bundesebene sowie den Willen, Menschen in Not ohne Wenn und Aber zu helfen - Wir brauchen also noch mehr Neudörfls".

 

Edith Ivancsits, Leiterin des Hauses Sarah, veranschaulichte bei der Begrüßung der Gäste die Integrationserfolge ihrer Einrichtung: Im Rahmen der professionellen 24-Stunden-Betreuung der 30 jungen Flüchtlinge von 15 bis 18 Jahren sowie der 26 Erwachsenen würden Deutschkurse und anderer Unterricht sowie eine freizeitpädagogische Tagesstruktur mit Sport und Ausflügen angeboten. Zugewiesen werden die Betroffenen über das Leger in Traiskirchen, die Herkunftsländer sind u.a. Afghanistan, Syrien, Somalia, Nigeria und Eritrea. Einige der jungen Männer engagieren sich in Neudörfl etwa in der Freiwilligen Feuerwehr oder spielen Fußball beim Ortsverein.

 

Österreichweit betreut die Caritas bereits 30 Prozent aller Asylwerber in der Grundversorgung - mehr als 4.400 Personen. Zusätzlich werden 10.500 Flüchtlinge mobil betreut.