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20.08.2015
Religionsdialog im Bundeskanzleramt

Kardinal Schönborn: Europäische Werte sind in Asylfrage gefragt

Wiener Erzbischof ortet nach Religionsdialog Schritte zu mehr Kooperation zugunsten von Flüchtlingen.

Europäische Werte dürfen bei der Flüchtlingsfrage "nicht nur in Sonntagsreden beschworen" werden, sondern müssen sich in Hilfe für Notleidende konkret bewähren: Das hat Kardinal Christoph Schönborn am Donnerstagabend, 20. August 2015 im Anschluss an den "Religionsdialog" unterstrichen, zu dem Regierungs-Chef Werner Faymann in das Bundeskanzleramt einlud.

 

Der Bundeskanzler hatte dazu hochrangige Vertreter der christlichen Kirchen, von Judentum, Islam sowie anderer in Österreich anerkannter Religionsgemeinschaften zum Gedankenaustausch gebeten; im Mittelpunkt stand dabei die Frage, wie dem stark angestiegenen Zustrom an Asylwerbern bestmöglich begegnet werden kann.

 

„Ausmaß überraschend“

Kardinal Schönborn betonte im anschließenden kurzen Pressegespräch die Verantwortung aller Teile der Gesellschaft bei dieser "in diesem Ausmaß alle überraschenden" Herausforderung. Und er sieht langsame, aber stetige Fortschritte im Zusammenwirken von Gebietskörperschaften, Nichtregierungsorganisationen und Religionsgemeinschaften: Man erkenne zusehends, dass es zu nichts führe, einander den Schwarzen Peter zuzuschieben. Alle hätten sich um Lösungen zu bemühen, und seitens der Kirche sei in den vergangenen Wochen vieles geschehen - manches davon auch unbemerkt von der medialen Öffentlichkeit. Auf die Frage, ob er weitere kirchliche Flüchtlingsunterkünfte bereitstellen lassen wolle, antwortete der Vorsitzende der Österreichischen Bischofskonferenz, dies geschehe bereits laufend: "Viel Gutes wird getan, auch wenn es nicht groß verkündet wird und oft unbedankt bleibt."

 

Lobend und "froh" äußerte sich Kardinal Schönborn über die Dreiparteieneinigung bezüglich des Durchgriffsrechtes des Bundes in der Quartierfrage. Das ermögliche eine gezielte und faire Verteilung der mit der Flüchtlingsunterbringung verbundenen Lasten. Es sei für Österreich "sicher keine Schande", wenn es zum Zielland vieler werde, die Schutz vor Gewalt und Verfolgung suchten, fügte der Kardinal hinzu. Fluchtgründe seien sorgfältig zu prüfen, aber dass Österreich im Ruf stehe, dass Menschlichkeit hier großgeschrieben wird und "Menschen in Not nicht als störend empfunden werden", sei letztlich positiv.

 

„Religionen fördern Zusammenhalt“

Kanzler Faymann dankte Kardinal Schönborn für die nun schon zur Tradition gewordene Gelegenheit, dass sich Vertreter von Politik und Religionen über grundsätzliche Fragen austauschen. Faymann nannte es eine "österreichische Besonderheit", dass die Religionen hierzulande gut zusammenarbeiten und den gesellschaftlichen Zusammenhalt fördern. Davon profitiere er auch als Bundeskanzler, zumal es genug andere gesellschaftliche Kräfte gebe, die Hass und Zwietracht auf ihre Fahnen schrieben.

 

Ziel der Politik müsse es sein, dass Menschen in ihrer Heimat sicher vor Bedrohungen sind und sich nicht gezwungen sähen, diese zu verlassen. Kurzfristig zu lösen sei nun jedoch die durch Flüchtlingsströme verursachte "Herausforderung, nicht Katastrophe", bereits in Österreich befindlichen Geflohenen geeignete Quartiere zu bieten. Dazu leisteten auch die Religionsgemeinschaften und ihre Organisationen einen wertvollen Beitrag; Faymann nannte hier ausdrücklich die Caritas.

 

Solidarität auf europäischer Ebene einzuklagen - wie dies jüngst Innenministerin Johanna Mikl-Leitner in Erwägung zog -, halte er nicht für zielführend und teile hier die Einschätzung von Juristen im Bundeskanzleramt. Eine faire Lastenverteilung auf EU-Ebene müsse auf politischer Ebene vorangetrieben und nicht vor Gerichten angestrebt werden, betonte Faymann.

 

An dem Treffen im Bundeskanzleramt nahmen neben Kanzler Faymann und Kardinal Schönborn auch der für Religionsfragen in der Regierung zuständige Kultusminister Josef Ostermayer sowie als Religionenvetreter u.a. Bischof Michael Bünker (evangelisch-lutherische Kirche), der evangelisch-methodistische Superintendent Lothar Pöll als Vorsitzender des Ökumenischen Rates der Kirchen, Bischofsvikar Nicolae Dura (rumänisch-orthodoxe Kirche), Oberrabbiner Paul Chaim Eisenberg (Israelitische Kultusgemeinde), Fuat Sanac (Islamische Glaubensgemeinschaft) und Gerhard Weißgrab (Buddhistischen Religionsgesellschaft) teil.