Europa sei vielfach überrascht worden, dass täglich hunderte, ja tausende Flüchtlinge hier Schutz suchen, räumte der Wiener Erzbischof in seiner Predigt ein, verwunderlich sei die aktuelle Situation freilich nicht: "Man konnte ahnen, dass es zu großen Migrationen kommen wird. Jetzt ist es Realität. Und es wird Realität bleiben. Und es wird unser Leben verändern. Der schreckliche Tod auf der A4 hat uns bewusst gemacht, dass wir keinen anderen Weg haben, als gemeinsam uns dieser Realität zu stellen. Nicht erst morgen. Heute."
Kardinal Schönborn verwies auf Papst Franziskus und dessen erste Reise als Papst 2013 auf die Flüchtlingsinsel Lampedus. Seine Worte gegen die "Globalisierung der Gleichgültigkeit" seien nicht vergessen, so Schönborn: "Wir können nicht wegschauen."
Wie sehr der Papst hinschaut, habe er erst gestern Sonntag gezeigt, als er beim Mittagsgebet auf dem Petersplatz für die 71 Opfer selbst gebetet und zum Gebet für sie eingeladen habe.
Hinschauen bedeute zugleich auch, sich um klare Maßnahmen zu bemühen. So habe der Papst Gott darum gebeten, "uns zu helfen, dass wir effizient zusammenarbeiten, um solche Verbrechen zu verhindern, die die ganze Menschheitsfamilie verletzen", erinnerte Schönborn.
Wie der Wiener Erzbischof weiter sagte, wolle er an diesem Abend auch an die vielen Menschen denken, "die in diesen schwierigen Tagen, helfen wo sie können, nicht wegschauen, da sind, solidarisch sind, die einfach Zeichen der Menschlichkeit setzen." Ihnen allen gelte heute besonderer Dank. Schönborn: "Ich denke besonders an alle, die mit der Erstaufnahme zu tun haben. Viele sind überlastet und bleiben doch menschlich. Die Exekutive, die karitativen Organisationen, die Freiwilligen, die große und kleine Dienste tun. Wie oft habe ich in diesen Tagen von der Freude gehört, die das Teilen, die menschliche Nähe zu den Flüchtlingen schenkt. Es ist keine Einbahnstraße!"
Die Lasten der Aufnahme der Flüchtlinge seien in Europa aber noch ungleich verteilt, kritisierte der Kardinal: "Es kann nicht sein, dass manche Länder nur minimale Zahlen von Flüchtlingen aufnehmen und andere Höchststände haben." Es sei zugleich "aber auch keine Schande, wenn unser Land bei den Flüchtlingen einen besseren Ruf hat als andere. Einen guten Ruf in Humanität zu haben, dafür brauchen wir uns nicht zu schämen."
Wörtlich sagte der Kardinal: "Was wir jetzt erleben, was uns herausfordert, ist schon ein sehr, sehr ernster Test, ob bei uns in Österreich, in Europa das christliche Erbe, das Evangelium noch lebt und gilt, oder ob es zur Makulatur geworden ist."
Die Kirche wie auch alle anderen Religionsgemeinschaften seien gefordert, mehr zu tun. In allen Religionen hätten der Fremde und der Flüchtling eine besondere Wertschätzung. Schönborn: "Viel geschieht bereits und bei weitem nicht alles wird in den Medien berichtet. Aber sicher kann und muss von uns Christen, auch von den anderen Religionen, noch mehr getan werden." Nicht nur die Frage der Unterbringung dränge, sondern mehr noch die folgende Integration und Beheimatung.