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02.09.2015

Nachhaltigskeitsexperte Werner Wutscher: "Digitale Medien sind eine Chance"

Nachhaltigkeitsexperte Werner Wutscher im Interview über die digitale Revolution und nachhaltige Geschäftsmodelle

Ist die Umwelt-Enzyklika von  Papst Franziskus wirtschaftsfeindlich?


Werner Wutscher: Die Enzyklika trifft an vielen Punkten sehr wichtige und kritische Aussagen. Die verkürzten Darstellungen haben den Eindruck erwecken lassen, dass es rein wirtschaftsfeindliche wären. Wenn man sie im Detail liest, gibt es Teile, wo der Papst zum Beispiel die Wichtigkeit der Berufung zum Unternehmer hervorhebt.

 



Ist die freie Marktwirtschaft an allem schuld, an der Umweltverschmutzung und der Armut der Welt?


Werner Wutscher: Aufgrund des marktwirtschaftlichen Systems gibt es in weiten Teilen der Erde sehr positive Entwicklungen. Es ist sehr viel im Bereich der Armutsbekämpfung, der Anhebung der Gesundheitsstandards, in der Aids-Bekämpfung, der Reduktion von Säuglingssterblichkeit gelungen. Aber nach wie vor gibt es Auswüchse, wir haben noch ganz viel im Bereich der Ressourcen und der Umwelt zu tun. Jedoch würde ich eine reine Verurteilung auf keinen Fall vornehmen.

Welche Veränderung im Wirtschafts- und Gesellschaftssystem braucht es, dass alle Menschen gut leben können?


Werner Wutscher: Wir machen heute aufgrund der Digitalisierung eine vierte industrielle Revolution durch. Wirtschaftswachstum kann per se kein Ziel sein. Die Schlüsselfragen in der Zukunft werden sein: Wie gelingt es uns, für Menschen auf dem gesamten Planeten Arbeitseinkommen zu sichern? Welche Arbeit wird künftig noch erledigt werden und wie wird sie regional verteilt sein? Auch wenn die Onlinemedien oder die Digitalisierung oft verteufelt werden, sie werden der Schlüssel für die bessere Verteilung sein. Wenn Sie sich die Infrastruktur von Entwicklungsländern anschauen, brauchen Sie durch die Smartphones keine Telefonleitungen mehr verlegen. Die Menschen können nachfragen, welches Saatgut sie verwenden sollen oder Fragen stellen, wenn Krankheiten auftreten. Diese Kommunikation hilft vielen Menschen, aus der Armut zu entkommen und zu einem kleinen Wohlstand zu gelangen.
Bis 2030 werden jedes Jahr weltweit 130 Millionen Menschen in die Mittelschicht kommen. Unsere große Aufgabe ist es, sie so zu begleiten, dass das wirtschaftliche Wachstum wirklich ressourceneffizient und ressourcenschonend erfolgen kann.

Neue Geschäftsideen, die ökologische, soziale und ökonomische Dimension vereinen, sind im Vormarsch. Wie können grüne Business-Ideen die Welt verändern?


Werner Wutscher: Dieser Ansatz geht in die Richtung, wo gibt es im Klimaschutz oder in anderen Bereichen Geschäftsmodelle, die einerseits profitabel sind, aber andererseits auch einen Beitrag zur Ressourcenschonung leisten. Wenn Sie an die ganze Frage der Share Economy denken: Wir haben heute durch die digitalen Medien die Möglichkeit, Dinge ganz anders zu nutzen als in der Vergangenheit. Es ist unter Umständen nicht mehr notwendig, Sachen zu besitzen, man kann sie teilen. Ich gebe ein Beispiel: Beim Startup-Unternehmen „Usetwice“ können sich die Kunden die Bohrmaschine oder den Autoanhänger, den sie unter Umständen nur viermal im Jahr brauchen, ausborgen und müssen ihn nicht mehr kaufen.

Es sind im Bereich der Logistik Kooperationen zwischen großen kommerziellen und kleinen privaten Anbietern möglich. Wenn ich heute nach Kärnten fahre, wo ich meinen Zweitwohnsitz habe, kann ich Sachen für jemanden mitnehmen, bekomme einen Beitrag zu den Benzinkosten und ich bin Teil dieses Transports. 60 Prozent der heutigen Transportkapazität weltweit werden nicht genutzt.

Sie unterstützen Startups? Welche Bedeutung haben diese?


Werner Wutscher: Wir unterstützen Startups bzw. Social Entrepreneure, d.h. Unternehmen, die Geschäftsideen haben, die jetzt nicht eindeutig profitabel per Definition sind, sondern ein gesellschaftspolitisches Problem lösen wollen. Ich nenne Startups immer Labors der Zukunft. Sie sind in der Lage sehr schnell auf Trends zu reagieren. Deswegen ist es mir großes Anliegen, junge Unternehmer zu unterstützen, weil wir damit auch einen Beitrag zur Weiterentwicklung der Wirtschaft, aber auch der Gesellschaft leisten. Zum Beispiel ist „Three Coins“ ein österreichisches Startup, das jungen Menschen den Umgang mit Geld spielerisch beibringen möchte.

Wäre Social Entrepreneurship auch im kirchlichen und kirchennahen Bereich möglich?


Werner Wutscher: Die Kirche hat dies über die Jahrhunderte in vielen Bereichen vorgelebt und viele Dinge werden jetzt eigentlich unter dem modernen Schlagwort wieder erfunden. Wenn ich an die privaten Initiativen im Sozialbereich denke, kann es hier sehr viele Geschäftsmodelle geben. Es ist eine sinnvolle Ergänzung, weil der Staat an  vielen Ecken und Enden nicht mehr in der Lage ist, diese Leistungen voll zu erbringen. Anstatt jetzt sozusagen an der Illusion Finanzierbarkeit des Wohlfahrtsstaates in alle Ewigkeit festzuhalten, ist es mir sympathischer, wenn es uns gelingt, in vielen Randbereichen Unterstützung durch Geschäftsideen zu kreieren, die das gesellschaftspolitische Problem lösen können, aber sich selber nachhaltig tragen.

Wie sehen Sie Ihre Aufgabe als Business Angel? Nach welchen Kriterien investieren Sie?


Werner Wutscher: Als Business Angel unterstütze ich Unternehmen in Bereichen, wo ich glaube, dass ich mich auskenne. Das sind vor allem E-Commerce-Startups. Es geht darum, dass man den Gründern von Anfang an zur Hand geht mit dem eigenen Netzwerk, mit dem eigenen Know-how der jeweiligen Branche. Wir helfen denen eigentlich nicht unbedingt durch die Euros, die wir auf den Tisch legen, sondern vielmehr durch die Begleitung in der Gründungsphase.