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09.09.2015

75 JAHRE THEOLOGISCHE KURSE: "Immer mehr stürmen sie"

Was Teilnehmer und Lehrende zum Jubiläum sagen und wünschen.

Mich berührt sehr, dass die Theologischen Kurse im Krieg gegründet worden sind. In einer Zeit, in der es den Menschen wirklich schlecht gegangen ist, haben viele gespürt: Wir brauchen geistliche Nahrung. Wir brauchen theologische Nahrung“, sagt Kardinal Christoph Schönborn: „Ich freue mich, dass die Nachfrage nach den Theologischen Kursen einfach nicht nachlässt, obwohl man immer sagt: Wir leben in einer so säkularisierten Zeit, in einer ganz verweltlichten Zeit.

 

Im Gegenteil: Das Interesse ist nicht nur nicht geringer geworden, es ist – eigentlich kann man sagen – von Jahr zu Jahr steigend.“ Die Theologischen Kurse gehören für ihn zum „Kerngeschäft“ der Kirche – „seit 75 Jahren verwoben in die Geschichte der Erzdiözese Wien und der Kirche in Österreich“.

 

„Eine Kenntnis der Lehre“

„Ich habe vor Jahren selbst die Theologischen Kurse absolviert und profitiere heute noch davon“, betont Barbara Coudenhove-Kalergi, Journalistin und Herausgeberin: „Auch für Menschen, die nicht mit allen kirchlichen Positionen einverstanden sind, gehört eine solide Kenntnis der katholischen Lehre einfach zur Allgemeinbildung.“

„Bibel als Lebensmittel“

„Ohne Übertreibung kann ich sagen: Der Wiener Theologische Kurs hat mein Leben grundlegend verändert. Er hat meinen Horizont nach oben erweitert und meinem Glauben Boden und Wurzeln verschafft“, sagt Maria Zins (Wien 21), Absolventin der „Theologischen Kurse“: „Dem Kurs verdanke ich Antworten auf brennende Fragen, neue Zugänge und den Mut, Fragen auszuhalten, auf die wir (noch) keine Antworten finden.“ Sie habe „gelernt, die Bibel zu lesen und erfahren, dass man das tatsächlich lernen muss und kann – und dass die Bibel ein Lebensmittel werden kann.

 

So hat mir mein intellektuell gefestigter Glaube geholfen, manche Krise zu bewältigen.“ Zins: „Inzwischen konnte ich den Schatz, den ich gefunden habe, schon oft mit anderen teilen. Besonders in der Auseinandersetzung mit den Fragen meiner heranwachsenden Kinder war mir mein Wissen eine große Stütze.“ Schon für ihre Mutter war der Theologische Fernkurs „ein Geschenk, das ihr Leben bereichert hat“. Zins: „Sie bekam den Kurs von einer Wiener Tante geschenkt, als sie mit dem fünften Kind schwanger war.

 

Meine Mutter hat oft erzählt, wie sehr der Kurs sie befreit hat aus dem engen Leben und Horizont einer Hausfrau und Mutter auf dem Land in den Sechziger Jahren.“ Und: „Uns Kindern konnte sie dadurch einen zeitgemäßen Zugang zum Glauben vermitteln. Später unterrichtete sie zehn Jahre Religion in der Volksschule.“ Diese Erfahrung ihrer Mutter war „sicher auch ein Grund, warum ich mich entschloss, in meiner Karenzzeit den Kurs zu absolvieren“, betont Zins.

„Viele Fragen geklärt"

„Es klären sich viele Fragen, die ich Jahrzehnte hatte, und auf die ich nie eine Antwort fand“, sagt Theresia Mühlböck, Kursteilnehmerin aus Linz: „Ein so vernetztes Wissen habe ich bis jetzt nie bekommen... In Zeiten wie diesen wird es immer wichtiger, dass die Leute, die noch zur Kirche mit ihrer Fehlerhaftigkeit stehen, auch einen guten Hintergrund haben.“

„Die theologische Fachsprache gelernt"

„Der Fernkurs war für mich ein guter Rahmen, um Fragen unseres Glaubens und unserer Kirche nachzugehen und dabei Antworten zu finden, die den Blick öffnen und mich als befreite, selbstbewusste Christin ermutigen“, sagt Hermine Feurstein (Schwarzenberg): „Auch lernte ich die Fachsprache der Theologie und kann jetzt bei manchem Übersetzungsproblem behilflich sein. Außerdem ist mir Verwurzelung wichtig, und dazu brauche ich Menschen vor Ort.“

„Den Horizont erweitert"

„Der Kurs bot mir eine ideale Gelegenheit, den Horizont meines theologischen Wissens systematisch zu erweitern“, betont Otto Amann (Hohenems): „Denn heute ist ein Mindestmaß an theologischer Bildung unerlässlich, nicht nur für das innerkirchliche Gespräch, sondern auch für den Dialog mit Andersdenkenden.“

„Ernst der Auseinandersetzung"

„Als junge Theologin habe ich selbst intensiv bei den Theologischen Kursen mitgearbeitet und weiß daher persönlich um den Wissensdurst der Teilnehmenden, den existentiellen Ernst ihrer Auseinandersetzung mit der Theologie, um ihre Beharrlichkeit im Nachfragen und um ihr aufrichtiges Ringen um Verständnis – nicht nur des Stoffes, sondern auch der oft sehr unterschiedlichen Glaubensstandpunkte der Mitstudierenden“, unterstreicht die  Vizerektorin der Universität Wien, ao. Univ.-Prof. Christa Schnabl, Mitarbeiterin der „Theologischen Kurse“ von 1989 bis 1998.

„Gott schenkt uns Herz und Verstand"

„In unserer Welt und Zeit ist jede Stimme wichtig, auch in der Kirche. Wenn sich niemand mehr die Mühe macht, aus christlicher Grundüberzeugung heraus im Chor der Meinungen mit zu argumentieren, dann steht es schlecht um unsere Sache“, sagt die langjährige Leiterin des Diözesanarchivs und Referentin bei den „Theologischen Kursen“, Annemarie Fenzl: „Aber diskutieren, argumentieren und überzeugen kann nur, wer auch weiß, wovon er spricht.

 

Mitgestalten in der Kirche kann nur, wer fundierte Alternativen anzubieten hat, wer aber andererseits auch weiß, was zu bewahren ist.“ Das dazu notwendige Instrumentarium  legen die Theologischen Kurse, „realistisch und lebensnah verpackt, Jahr für Jahr bereit“.

 

Fenzl: „Ich wünsche den Kursen, dass immer mehr Menschen erkennen: Unsere religiöse Bildung muss in Einklang stehen mit unserer intellektuellen Entwicklung (Kardinal König). Das sind wir Gott schuldig, der uns nicht nur ein Herz, sondern auch einen Verstand geschenkt hat.“ Und dass immer mehr Suchende die Kurse „stürmen“.