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10.09.2015

Der christliche Glaube sucht den Dialog

Erhard Lesacher, Leiter der „Theologischen Kurse“ im Gespräch.

 

Wie sieht eine Kurz-Bilanz des Jubiläums „75 Jahre Theologische Kurse“ aus?

 

Lesacher: Zunächst: Große Freude und Dankbarkeit für 75 Jahre Theologie im Dialog. Von Anfang an war Theologie bei uns keine bloße Belehrung, sondern ein dialog- orientiertes Geschehen.

 

Die Lebens- und Glaubenserfahrung der Teilnehmenden sowie ihre Fragen sind konstitutiv für das Kursgeschehen. Und: Ein zuversichtlicher Blick in die Zukunft. Wir haben anlässlich unseres Jubiläums u. a. alle österreichischen Diözesanbischöfe um ein Statement gebeten und viel wertschätzendes und ermutigendes Feedback bekommen.

Warum ist der christliche Glaube vom Begriff „Bildung“ nicht zu trennen?

 

Lesacher: Der Missionsauftrag Jesu macht dem Christentum Bildung und theologische Reflexion zur Aufgabe: Verkündigung ohne Kenntnis der Kultur und Sprache der angesprochenen Menschen und ohne „Übersetzung“ der Botschaft in deren Verstehenshorizont geht ins Leere.

 

Diese Übersetzungsleistung ist eine der wichtigsten Aufgaben von Theologie und theologischer Bildung.

 

Genügt also der vielzitierte „einfache“ Glaube nicht?

 

Lesacher: Wenn er sich selbst genügt, genügt er nicht. In einer von Säkularisierung und Religionspluralismus geprägten Zeit sind Sprach- und Auskunftsfähigkeit des Glaubens und damit theologische Bildung wichtiger denn je.

 

Christlicher Glaube muss „gebildet“ sein. Er will verstanden werden und sich anderen mitteilen, verständlich machen. Er sucht den Dialog und das kritische Gespräch. Er stellt sich Gegenargumenten und den eigenen Zweifeln. Fähig zur Selbstkritik, ist er das Gegenteil von Fundamentalismus.

Und der „einfache Glaube“? Jesus sagt doch: „Wenn Ihr nicht werdet wie die Kinder …“

 

Lesacher: Glaube ist ein radikaler Akt des Vertrauens: Ich vertraue mich einer größeren Wirklichkeit, einem unfassbaren Du an, einem Gott, von dem ich mir alles schenken lassen darf/muss wie ein Kind – vor aller Leistung, unabhängig von allem Verdienst – reine Gnade.

 

Dieser „einfache Glaube“ ist ein zutiefst intimes Geschehen und hat Gründe, die nur das Herz kennt.

 

Aber ich muss auch wissen, welchem Gott ich mich anvertraue, in welcher Tradition, auf der Grundlage welcher Heiligen Schriften. Es gibt auch die kognitive Ebene des Glaubens und Argumente für die Glaubwürdigkeit meiner Glaubenstradition. Deshalb braucht es neben dem existentiellen christlichen Lebenszeugnis und der verbalen Bezeugung der eigenen Glaubenserfahrung auch das argumentative Zeugnis.

 

Im Übrigen ersetzt der „gebildete Glaube“ den „einfachen Glauben“ ja nicht: Das schlichte Sich-Gott-Anvertrauen ist die bleibende Basis aller Glaubensreflexion und
Theologie.