Christsein heißt auf Christus schauen, ihm nachfolgen, ganz mit ihm verbunden sein, so dass ich mit Paulus sogar erfahren darf; wenigstens ansatzhaft: Nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir (Gal 2, 20).
Wie soll das aber heute möglich sein, fast 2000 Jahre nach seinem öffentlichen Auftreten? Und wie ist eine solche exklusive Beziehung religiös zu verantworten, weil die letzte Hingabe meines Herzens und meines Geistes Gott allein gebührt. Alles andere wäre Götzendienst, also Verabsolutierung geschichtlich-endlicher Wirklichkeit?
Diese Fragen sind nicht neu. Sie waren den Christgläubigen stets gegenwärtig.
Deshalb ist die erste Urkunde unseres Glaubens nicht einfach eine historische Erzählung oder eine stenographische Mitschrift von Ereignissen, sondern aus den Schriften Israels und dem Denken der damaligen Zeit gebildetes theologisches Zeugnis.
Es gab nie ein ungebildetes christliches Zeugnis! Denken wir z.B. an Paulus und das Evangelium nach Johannes! Immer war der christliche Glaube immer ein gebildeter, ein reflektierter, ein vor allen Menschen der damaligen Zeit „logosmäßig“ verantworteter Glaube.
Wozu der erste Petrusbrief wörtlich ermahnt, gilt daher bis heute: Seit jederzeit bereit, Rechenschaft, Antwort zu geben vom „Logos“, dem begriffenen Grund der Hoffnung, der in Euc
h ist“ (1 Petr 3, 14).
Deshalb gründet das katholische Abenteuer, das ohne ständige Bildung nicht in Fahrt kommt, in dem Optimismus, dass Glaube und Vernunft letztlich sich nicht widersprechen.
Das muss so sein, wenn wir wirklich davon überzeugt sind, jene Wahrheit Gottes zu bezeugen, die uns im Logos Gottes eröffnet worden ist, und zwar genau in diesem Menschen Jesus von Nazareth.
Wer aber davon überzeugt ist, die Wahrheit Gottes auszusagen, fürchtet sich nicht, stellt sich jeder Frage, jedes Menschen zu allen Zeiten und antwortet, wieder gemäß der Mahnung des Petrusbriefes: ehrfürchtig und bescheiden.
Und er ist davon überzeugt, dass die Wahrheit sich durch sich selbst durchsetzen wird. Die Wahrheit um ihrer selbst willen zu suchen aber, ist das Ziel wirklicher Bildung, nicht Nutzen, Profit oder gar gewaltige Macht..
Weil aber Denken und Kulturen, Wahrheitsauffassungen und Grunderfahrungen der Menschen sich in der Geschichte immer wandeln und entwickeln, wandeln sich auch Verständnis und Ausdrucksform des Glaubens, um seiner innersten Beziehungsmitte treu bleiben zu können.
Wenn heute der „einfache Glaube“ gegen jede Form einer „Glaubensbildung“ ausgespielt wird, wird damit wir nur eine vergangene Glaubensgestalt zementiert.
Natürlich gibt es auch Irreführungen und Risiken. Wer solche nicht eingeht, lässt den Glauben auf einer Schrumpfstufe verkümmern.
Nie war ein gebildeter Glaube so notwendig wie heute. Denn nur so können wir in einer wissenschaftlich geprägten, kritisch-skeptischen Welt von unserer Hoffnung Rechenschaft geben. Was John Henry Kardinal Newman sagte, gilt gerade heute: Ohne Bildung fallen die einen in Aberglauben und die anderen in Unglauben.