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26.09.2015

Kardinal Schönborn ruft zu Nächstenliebe für Flüchtlinge auf

Festgottesdienst zu 20 Jahren Wiener Erzbischof im Stephansdom.

Ganz im Zeichen der Flüchtlingskrise stand die Feier zum 20.-jährigen Jubiläum von Christoph Schönborn als Wiener Erzbischof am Samstag, 26 September 2015. Die heutige Situation sei "Anzeichen für einen Epochenwandel", erklärte der Kardinal im Wiener Stephansdom vor rund 4.000 Gläubigen. Die Kirche müsse die Zeichen der Zeit richtig deuten, sich der "Dringlichkeit" der Realität stellen und die Flüchtlingsfrage zuvorderst als eine Frage der Menschlichkeit sehen. "Alles entscheidet sich daran, ob wir die persönliche Begegnung wagen oder ihr ausweichen", so Kardinal Schönborn.

 

Marienmedaille überreicht

Zu Beginn der Eucharistiefeier bekam der Wiener Erzbischof von seinem Flüchtlingsbeauftragten Manuel Maan Baghdi eine Marienmedaille überreicht. Sie sei der "Dank für ein neues Leben" einer syrischen Flüchtlingsfamilie, die vor zwei Jahren vom Wiener Erzbischof aufgenommen worden sei und sich mittlerweile gut in Wien integriert haben. Bis zu seinem Tod getragen habe die Medaille zuvor der im Syrienkrieg ermordete Vater der Familie. Bagdhi würdigte Schönborns "unverzügliche Bereitschaft, Menschen in Not zu unterstützen", die er in den Jahren seiner Tätigkeit hautnah miterleben habe dürfen.

 

„Du hast mich beherbergt“

Christsein sei auch bei der Flüchtlingsfrage "nicht romantisch, sondern sehr konkret" und Nächstenliebe "kein Allerweltsgefühl", betonte Kardinal Schönborn. Wer das Jesuswort "Ich war fremd und obdachlos, und du hast mich beherbergt" ernst nehme, müsse praktisch handeln. Als Beispiel führte Schönborn seine Sekretärin an, die in das Flüchtlingsquartier am Stephansplatz gegangen sei und die Wäsche der Migranten geholt und gewaschen habe. "Ich bin nicht auf diese Idee gekommen", so der Erzbischof. Angesichts der großen Solidarität gegenüber Flüchtlingen würden "sogenannte Fernstehende" Jesus deshalb viel näher stehen als sie selbst ahnten.

 

Europa werde nicht anders, sondern "es ist schon anders und wird sich noch viel verändern. Es wird nicht nur wirtschaftlich enger, es wird kulturell-religiös vielfältiger und pluraler", erklärte der Kardinal. Gleichzeitig wandle sich auch die Kirche, wo volle Gottesdienste heute eine Seltenheit geworden, stellte der Kardinal fest. Zahlenmäßig sei die Wiener Erzdiözese geschrumpft, mit jährlich mehr als einem Prozent Kirchenaustritten. "Wenn ich das in eine Leistungsbilanz schreibe, ist das sofort meine Entlassung", so Schönborn ironisch. Der derzeit laufende Reformprozess der Pfarrzusammenlegungen unter dem Stichwort "Pfarre Neu" habe auch damit zu tun.

 

„Schwieriger, aber schöner Weg“

Kardinal Schönborn sprach auch die "schwierige Stunde" seines Amtsantritts an, als er 1995 auf Hans Hermann Groer nach den Missbrauchsvorwürfen gegen diesen als Wiener Erzbischof folgte. "Wir durften seither gemeinsam einen schwierigen, aber schönen Weg gehen, mit schmerzlichen Konflikten, einem gesegnetem Miteinander", so der Kardinal zu den versammelten Gläubigen. Er selbst habe viel gelernt und nicht wenige Fehler gemacht, für die er um Verzeihung bitte, zugleich sei aber auch viel Schönes und Segensreiches gewachsen. Wichtig sei ihm, "mit Freude mit dem Herrn auf dem Weg zu sein", so der Kardinal.