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27.09.2015
Rede vor der Independence Hall in Philadelphia

Papst fordert in Philadelphia weltweite Religionsfreiheit

Franziskus bei Treffen mit Latinos: Religionen müssen Unterdrückung, Ausschluss oder Missbrauch der jeweils anderen bekämpfen.

Papst Franziskus hat in den USA die weltweite Anerkennung der Religionsfreiheit eingefordert. Religionen stärkten eine Gesellschaft, weil sie die Würde des Menschen und die Uneigennützigkeit im Dienst des Gemeinwohls förderten, sagte er am Samstag, 26. September 2015 bei einem Treffen mit Einwanderern in Philadelphia vor der "Independence Hall" der Stadt.


Frieden, Toleranz, Würde, Rechte

"In einer Welt, in der verschiedene Formen moderner Tyrannei versuchen, die Religionsfreiheit zu unterdrücken oder auf eine Subkultur ohne Mitsprache- und Stimmrecht in der Öffentlichkeit herabzusetzen oder die Religion als Vorwand für Hass und Brutalität zu gebrauchen, ist es notwendig, dass die Anhänger der verschiedenen Religionen ihre Stimmen vereinen, um Frieden, Toleranz und Achtung für die Würde und die Rechte der anderen zu fordern", betonte der Papst. Der interreligiösen Dialog bezeichnete er als entscheidendes Mittel der Verständigung in einer verwundeten Welt.

Auch die Globalisierung birgt aus Sicht von Franziskus Gefahren für die Religionsfreiheit. Er kritisierte einen Trend, der "bewusst auf eine eindimensionale Uniformität abzielt und versucht, alle Unterschiede und Traditionen in einem oberflächlichen Streben nach Einheit zu beseitigen". Dagegen stünden die Religionen in der Pflicht, einen gesunden Pluralismus aufzuzeigen, der die Würde des anderen respektiere und für eine Welt des Friedens eintrete, so der Papst. Ein Blick in die Geschichte zeige die Grausamkeiten, zu denen Systeme fähig seien, die sich mit dem Anspruch auf absolute Macht über das Religiöse hinweggesetzt und das "irdische Paradies" versprochen hätten.

Nach Franziskus' Worten erstarkt und erneuert sich eine Gesellschaft, die dem Prinzip der Freiheit und Toleranz treu bleibt. Zudem könnten Menschen, denen man ihre Rechte nicht vorenthalte, ihre Fähigkeiten voll entfalten und zu einer Bereicherung für die Gesellschaft werden. Dabei gilt es Franziskus zufolge zu berücksichtigen, dass sich wahre Religionsfreiheit nicht nur auf den jeweiligen Kultort und das Privatleben reduziert, sondern darüber hinaus sichtbar sein muss.

Am Ende seiner Rede grüßte der argentinische Papst die lateinamerikanischen Einwanderer Nordamerikas, die unter großen Opfern in die USA gekommen seien. "Schämen Sie sich nie Ihrer Traditionen", sagte er ihnen. "Vergessen Sie nicht, was Sie von Ihren Vorfahren gelernt haben; es kann das Leben dieses amerikanischen Landes bereichern." Besonders denke er dabei "an den lebendigen Glauben, den viele von Ihnen besitzen, an den tiefen Sinn für das Familienleben und an die anderen Werte, die Teil Ihres Erbes sind". Solche Gaben könnten helfen, die Gesellschaft des Gastlandes von innen her zu erneuern.

 

Symbolischer Ort

Franziskus äußerte sich bei einer Begegnung mit hispanoamerikanischen Migranten vor der Philadelphier "Independence Hall" im "Independence National Historical Park", dem Geburtsort der US-amerikanischen Demokratie, wo 1776 die amerikanische Unabhängigkeitserklärung verkündet wurde. Die 22 Hektar im Stadtgebiet von Philadelphia gelten als der meiste mit Geschichte befrachtete Ort der Vereinigten Staaten, weil sich hier zahlreiche Gebäude aus der Zeit der Unabhängigkeitskriege befinden. Philadelphia war zehn Jahre lang bis 1800 die Hauptstadt der amerikanischen Unabhängigkeitsbewegung.


Einen hohen Symbolgehalt hatte auch das Lesepult, das dem Papst bei dieser Begegnung mit den Einwanderern diente: Es ist dasselbe, das US-Präsident Abraham Lincoln 1863 nutzte, als er bei seiner kurzen Rede auf dem Schlachtfeld von Gettysburg das demokratische Selbstverständnis der Vereinigten Staaten darlegte. Papst Franziskus hatte Lincoln vor dem US-Kongress mit einem Zitat aus ebenjener Rede von Gettysburg als "Hüter der Freiheit" gewürdigt, "der sich unermüdlich dafür einsetzte, dass ,diese Nation unter Gott zu neuer Freiheit geboren werde´".

Das Treffen fand am Samstagnachmittag (Ortszeit), dem vorletzten Tag der USA-Reise von Papst Franziskus statt, nachdem er am Samstagmorgen auf dem Flughafen Philadelphia angekommen und in der Kathedrale der Stadt mit Bischöfen, Klerikern und Ordensleuten eine Messe gefeiert hatte. Nach der Begegnung stand am Abend eine Gebetsvigil in der Innenstadt von Philadelphia mit den Teilnehmern des Weltfamilientreffens auf dem Programm.