Papst Franziskus hat den Strafvollzug in den USA kritisiert und zum gesellschaftlichen Einsatz für eine bessere Resozialisierung von Häftlingen aufgerufen. "Es tut weh, Strafsysteme zu sehen, die nicht versuchen, Verletzungen zu behandeln, Wunden zu heilen und neue Chancen zu schaffen", sagte er am Sonntag, 27. September 2015 vor Häftlingen im größten Gefängnis von Philadelphia, der "Curran-Fromhold Correctional Facility", das rund 8.000 Insassen hat, darunter auch Frauen.
Staat und Gesellschaft hätten die Pflicht, ihnen bei der Wiedereingliederung ins Leben zu helfen, und nicht das Recht, sich an die herrschenden Zustände und an das Leid der Häftlinge zu gewöhnen. Denn dann werde die Gesellschaft selbst "eine Gefangene all dessen, was sie leiden lässt". Gelingende Resozialisierung hebe stattdessen die Moral der gesamten Gemeinschaft.
Der Papst ging in seiner Ansprache aus vom Evangelium von der Fußwaschung. Leben bedeute, "unsere Füße schmutzig zu machen" auf den staubigen Straßen des Lebens und der Geschichte. Alle Menschen hätten es nötig, gereinigt, gewaschen zu werden. Christus reiche allen Menschen die Hand, damit sie aufgerichtet werden und wieder eine Zukunftsperspektive erhalten.
Mit rund 2,3 Millionen Strafgefangenen haben die USA die höchste Inhaftierungsrate der Welt. Viele Gefängnisse sind völlig überfüllt. Ein Grund ist das rigide Justizsystem in den Vereinigten Staaten. Viele Häftlinge bleiben nur deshalb hinter Gittern, weil sie die Kaution für eine Freilassung nicht zahlen können. Ein Großteil der Insassen sind Afroamerikaner, Hispanoamerikaner und Migranten. Die Fußwaschung Jesu an seinen Jüngern stehe sinnbildlich dafür, dass jeder Mensch vor Gott immer wieder gereinigt werde und niemals seine Würde verlieren könne, so Franziskus. Leben bedeute, sich die Füße schmutzig zu machen. Doch Jesus komme den Menschen entgegen, um uns wieder mit der Würde der Kinder Gottes zu bekleiden.
Nach seiner Ansprache vor den rund 100 Männern und Frauen begrüßte Franziskus jeden einzelnen Häftling persönlich und wechselte einige Worte und umarmte einige von ihnen. Als Geschenk hatten die Gefängnisinsassen für den Papst einen hölzernen Stuhl angefertigt. Besuche in Haftanstalten zählen zum festen Bestandteil der Apostolischen Reisen von Papst Franziskus.
Papst Franziskus traf in Philadelphia auch mit Missbrauchsopfern zusammen. Das teilte er bei einer Begegnung mit rund 300 Bischöfen in Philadelphia am Sonntag mit. Dabei kündigte er auch an, dafür zu sorgen, dass "alle Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden". Im Juni hatte Franziskus ein eigenes vatikanisches Gericht für Bischöfe eingerichtet, die sexuellen Missbrauch von Mitarbeitern vertuschen.
Gott "weine" über den sexuellen Missbrauch von Kindern, sagte Franziskus in einer Einfügung vor der geplanten Ansprache an die Bischöfe. Er selbst sei zutiefst beschämt, dass Geistliche ihren schutzbefohlenen Kindern Gewalt angetan und ihnen schwere Wunden zugefügt hätten. Die Verbrechen könnten nicht länger geheim bleiben. "Ich verspreche, dafür zu sorgen, dass Minderjährige geschützt und alle Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden", sagte der Papst.
Wie Vatikansprecher Federico Lombardi anschließend mitteilte, hatte Franziskus am Morgen drei Frauen und zwei Männer empfangen, die als Minderjährige von Geistlichen und Kirchenmitarbeitern missbraucht worden waren. An dem rund halbstündigen Treffen nahmen auch Angehörige und Freunde teil. Franziskus habe die Berichte der Opfer angehört, mit ihnen gebetet und sie gesegnet. Laut Lombardi wurde die Gruppe begleitet von Kardinal Sean Patrick O'Malley, Erzbischof von Boston und Chef der von Franziskus eingesetzten Kinderschutzkommission.