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14.10.2015

Bibel: An der Basis angekommen

Univ.-Prof. Walter Kirchschläger über die Bibel im Leben der Kirche und der Gläubigen.

 

Der SONNTAG: Warum kann die Bibel auch heute noch „gefährlich“ werden?


Walter Kirchschläger: Die Bibel selbst kann nicht gefährlich werden, eher ist sie herausfordernd: Die biblische Botschaft stellt uns Wesentliches vor Augen, oftmals ist das mit der Notwendigkeit zur Veränderung verbunden, und das ist nicht angenehm. „Gefährlich“ wird auch heute eine falsche buchstäbliche Auslegung der Bibel.

Hat die Bibel in der Lehre der römisch-katholischen Kirche den Stellenwert, den sie beanspruchen darf? Ist die Heilige Schrift, wie Papst Benedikt XVI. in „Verbum Domini“ („Das Wort des Herrn“) sagt, die „Seele der Pastoral“?

 

Walter Kirchschläger: Das Konzil sagt erneut, dass die Heilige Schrift die „Seele der Theologie“ ist (Leo XIII.). Dies und auch die Aussage von Benedikt XVI. bewegt sich im Wunschdenken.

 

Trotz der vielen bibelpastoralen Aufbrüche gerade in unserem Sprachraum muss man auch festhalten, dass das Lehramt nicht unbedingt biblisch orientiert ist.

 

Mit Bischof Franziskus hat sich das geändert; aber nicht auf allen Leitungsebenen ist die biblische Verankerung der katholischen Verkündigung entsprechend präsent.

Ist die Bibel nach dem Konzil bei den Gläubigen in der Praxis angekommen?

 

Walter Kirchschläger: In einem sehr großen Umfang ja. Bibelrunden, Bibel-Lesekreise, die Initiativen der Bibelwerke und der Erwachsenenbildung haben sehr große Veränderungen bewirkt. Auch Predigt und Katechese sind intensiver biblisch geprägt.

 

Der Weg muss aber weiter gehen: Sich an der Bibel zu orientieren heißt, sich an Jesus Christus zu orientieren. Es ist unerlässlich, dass unsere Glaubens- und Kirchenpraxis noch stärker von der Botschaft Jesu und seinen Grundsätzen bestimmt werden.

Wurde das Potential der bedeutenden Konzilskonstitution „Dei Verbum“ in den letzten 50 Jahren ausgeschöpft?

 

Walter Kirchschläger: Zu einem Teil ja: Die Bibelwissenschaft hat sich methodisch neu orientiert und neue wegweisende theologische Ansätze entwickelt. Die Liturgiereform hat die biblische Öffnung aufgenommen, aus der Vormesse ist der Wortgottesdienst geworden, (biblische) Lesungen und Homilie haben an Bedeutung gewonnen.

 

Neue Bibelübersetzungen und Bibelausgaben haben den Zugang zur Heiligen Schrift erleichtert. Andere Initiativen wurden bereits erwähnt.

Was bleibt dann noch zu tun?

 

Walter Kirchschläger: Die in Dei Verbum entworfene Vorstellung von einem liebenden, kommunikativen Gott ist auf keiner kirchlichen Ebene wirklich ausgelotet.

 

Das Gleiche gilt für das Denken des Konzils über Verfasserschaft, Wahrheitsgehalt und Geistgewirktheit der Schrift, in diesem Bereich sind fundamentalistische Positionen oftmals noch immer prägend.

 

Das Verhältnis von Überlieferung und Bibel bleibt theologisch ungeklärt. Das Verständnis des Wortes Gottes als sakramentaler Ort der Christusgegenwart vor allem in der Liturgie konnte sich nicht in dem Maß durchsetzen, das für die Einordnung von Wortgottesdiensten heute notwendig und hilfreich wäre.

Es scheint, dass die Konzilstexte auf weiten Strecken noch nicht bei den Menschen „angekommen“ sind...

 

Walter Kirchschläger: Trotz mancher Defizite muss man sagen: Dei Verbum ist ein Meilenstein und ein „Sprung nach vorwärts“.

 

Aber die von Papst Johannes Paul II. im Blick auf die Jahrtausendwende gestellte Frage „In welchem Maße ist das Wort Gottes in umfänglicherer Weise die Seele der Theologie und die Inspiration für das christliche Leben geworden, wie Dei Verbum es beabsichtigte?“ hat auch heute ihre herausfordernde und anspornende Brisanz nicht verloren (Tertio Millenio Adventiente Nr. 36).