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cc flickr esparanta palma / Der Sonntag
04.11.2015

Martin Buber war ein „Augenöffner“

"SONNTAG"-Interview mit Karl-Josef Kuschel über die Beziehung von Christentum und Judentum.

 

Wie sehr hat Martin Buber den christlich-jüdischen Dialog inspiriert?


Prof. Dr. Karl-Josef Kuschel: Buber hat entscheidenden Einfluss gehabt auf den jüdisch-christlichen Dialog nach 1945. Er hatte schon Anfang der 30er Jahre eine Denkfigur entwickelt, die damals völlig neu war.

 

Angesichts der Jahrhunderte lang gepredigten Überzeugung der Kirche, das Volk Israel als Gottesvolk überholt und ersetzt zu haben, hat Buber darauf bestanden:

 

Israel ist bleibend das von Gott erwählte Volk. Der Bund Gottes mit diesem Volk ist von Gott nie gekündigt worden.

 

Konsequenz? Israel hat als das Bundesvolk Gottes seinen eigenen Weg vor Gott und zu Gott. Erst nach dem Grauen der Schoah, für das der kirchliche Antijudaismus Mitverantwortung trägt, hat ein Umdenken in der christlichen Theologie stattgefunden.

 

Man hat zum Beispiel den Brief des Apostels Paulus an die Römer neu gelesen und zum allergrößten Erstaunen festgestellt, dass der Völkerapostel Israel die Bundeszusage Gottes auch nach dem Christus-Ereignis nicht abgesprochen hat.

 

Israel sei „von Gott geliebt, und das um der Väter willen“. Hier hat Buber als „Augenöffner“ gewirkt.

Was hat ein jüdischer Denker wie Buber zu Jesus von Nazareth und zum Christentum zu sagen?

 

Prof. Dr. Karl-Josef Kuschel: Er hat ein Leben lang ein und dieselbe Position eingenommen: Jesus Person und Botschaft kann man nur verstehen aus der damaligen jüdischen Welt heraus, der Jesus angehörte.

 

Insofern ist sein Gottes- und Menschenbild Teil der jüdischen Glaubensgeschichte. Und da hat Buber sich nicht gescheut, selbst nach der Schoah noch große Aussagen über Jesus zu machen.

 

In einem kühnen  Wort hat er seine Nähe zu Jesus mit dem Bild vom  „großen Bruder“ zum Ausdruck gebracht.

 

Der Glaube an Jesus allerdings als Gottessohn, Messias und Erlöser war für Buber nicht akzeptabel. Er hat das einmal auf die Formel gebracht: Ich glaube mit Jesus, aber nicht an Jesus.


Sie stehen für eine „abrahamitische Ökumene“. Was ist darunter zu verstehen?

 

Prof. Dr. Karl-Josef Kuschel: Juden, Christen und Muslime heute scheinen total verschiedenen Welt anzugehören. Oft liegen sie noch miteinander im Streit. Es scheint keine Brücke in die Welt des je Anderen zu geben.

 

Andererseits ist es ein Faktum, dass auf der Basis der Schrift sowohl Juden wie Christen Abraham als „Vater des Glaubens“ verehren, als  eine Person also, die zeigt, worauf es entscheidend vor Gott ankommt.

 

Insofern sind Christen und Juden einander nicht nur Geschöpfe des einen Gottes, sondern auch „Kinder Abrahams“.

 

Als ich dann gelernt habe, dass auch Muslime sich auf Abraham berufen, ja dass im Koran der Islam als „millat Ibrahim“, als „Glaubensgemeinschaft Abrahams“, bezeichnet wird, sah ich die Basis gegeben, auch die Muslime in die Gemeinschaft der Kinder Abrahams einzubeziehen.

 

Damit werden ja die Glaubensunterschiede nicht überspielt oder verharmlost, vielmehr werden die Unterschiede im Geist des Urvaters ganz anders kommunikabel gemacht.

 

Man hört endlich auf, sich wechselseitig als Ungläubige oder defizitär Glaubende abzuqualifizieren, praktiziert vielmehr abrahamische Geschwisterlichkeit. Da ist gemeint, wenn ich von „abrahamischer Ökumene“ gesprochen habe.