Zum 77. Jahrestag der Novemberpogrome gedachten die Kirchen am Montagabend, 9. November 2015, mit einem ökumenischen Gottesdienst in der Wiener Ruprechtskirche der im Zuge des nationalsozialistischen Terrors im November 1938 verschleppten und ermordeten Juden. Der Erzabt der ungarischen Benediktinerabtei Pannonhalma, Asztrik Varszegi, betonte in seiner Predigt die Notwendigkeit, den von Papst Johannes XXIII. eingeleiteten Dialog zwischen Christen und Juden "unbeirrt" fortzusetzen und eine "Lerngemeinschaft" zu sein.
Im Anschluss an den Gottesdienst gingen die Teilnehmer in einem Schweigemarsch von der Ruprechtskirche zum Judenplatz. Vor dem Mahnmal für die österreichischen jüdischen Opfer der Schoah entzündeten sie Kerzen.
Erzabt Varszegi verwies auf das "epochale Ereignis" des vor 50 Jahren zu Ende gegangenen Zweiten Vatikanischen Konzils mit den damaligen Dialog-Erklärungen "Nostra aetate" und "Dignitatis humanae". Darin habe die katholische Kirche im Geist Christi die Initiative zum Dialog ergriffen. Durch das Anerkennen des Heiligen bei allen Menschen, verbunden mit einem Schuldbekenntnis von Seiten der Kirche, sei dem furchtbaren "Bruderhass" zwischen Christen und Juden endlich ein Ende bereitet worden.
Das Leben der Juden habe auch schon vor der großen nationalsozialistischen Verfolgung, also unter einer christlichen Oberhoheit, "alle Varianten der Bosheit" enthalten, erinnerte der Benediktiner-Erzabt. Die Herrschenden seien dabei immer "erfinderischer" geworden. Deswegen sei es heute, in Zeiten steigender Verunsicherung, besonders wichtig, den Weg weiterzugehen, der mit dem Konzil begonnen habe.
Die historischen "Entsetzlichkeiten" könnten nur vor dem Hintergrund der ursprünglichen Gemeinsamkeiten gesehen und bewältigt werden, zeigte sich der ungarische Erzabt überzeugt. "Wenn es stimmt, dass wir Monotheisten Lerngemeinschaften sind, dann dürfen wir auch aus Fehlern und Verstößen lernen."
Wichtig sei es, miteinander und voneinander zu lernen und so zueinander zu finden. Es werde auch in Zukunft darauf ankommen, in der Ökumene und im interreligiösen Dialog alle Möglichkeiten auszuschöpfen.
Der Gedenkgottesdienst fand im Rahmen der alljährlich stattfindenden Bedenkwoche "Mechaye Hametim - Der die Toten auferweckt" statt. In der Nacht vom 9. auf 10. November 1938, die noch immer unter dem euphemistischen Nazi-Ausdruck "Reichskristallnacht" bekannt ist, wurden im gesamten deutschen Machtbereich Synagogen in Brand gesteckt, jüdische Geschäfte sowie Wohnungen zerstört und verwüstet. Zahlreiche Juden wurden bei den Pogromen getötet oder verletzt. Allein in Wien wurden im Zuge der Pogrome insgesamt 42 Synagogen und Bethäuser zerstört. 6.547 Wiener Juden kamen in Haft, knapp 4.000 davon wurden in das Konzentrationslager Dachau verschleppt.