Die katholische Kirche darf sich nach den Worten von Papst Franziskus nicht vor der Lebenswirklichkeit der Menschen verschließen. "Ohne zu wissen, was die Menschen denken, isoliert sich der Jünger und fängt an, sie nach seinen eigenen Vorstellungen und Überzeugungen zu richten", sagte er am Dienstag, 10. November 2015 bei einer Messe im Franchi-Stadion von Florenz. Die Kirche Jesu müsse stets im Kontakt bleiben "mit den Tränen und Freuden" der Menschen, so Franziskus. Anders werde es ihr nicht gelingen, ihre Herzen zu erreichen. Kirchenmitarbeiter dürften deshalb nicht der Versuchung verfallen, sich in ihren Ansichten vom Kirchenvolk abzukoppeln, als ginge sie das nichts an und sei ihnen nicht wichtig.
"Die Kirche lebt wie Jesus in der Mitte der Menschen und für die Menschen", fügte Franziskus vor Zehntausenden im Franchi-Stadion hinzu. "Deshalb hat die Kirche in ihrer ganzen Geschichte in sich die Frage getragen: Wer ist Jesus für die Männer und Frauen von heute?" In diesem Zusammenhang lobte Franziskus besonders die Lehren des aus der Toskana stammenden Papstes Leo des Großen (um 400-461).
Papst Franziskus wünscht sich mehr Priester und Bischöfe vom Schlag eines Don Camillo. Die italienische Kirche habe große Heilige von Franz von Assisi bis hin zu Philipp Neri, die ihr helfen könnten, den Glauben in Demut und Freude zu leben, sagte er am Dienstag in Florenz vor rund 2.500 Delegierten des Fünften Nationalen Konvents der katholischen Kirche Italiens. "Aber ich denke auch an die Einfachheit von Romanfiguren wie Don Camillo und seinen Widerpart Peppone", so Franziskus. Ihn beeindrucke an dieser Figur, dass Volksnähe und Gebet "Hand in Hand" gingen.
Don Camillo stelle sich selbst als einfacher Landpfarrer vor, der alles und jeden in seiner Pfarrei kenne und die Sorgen und Nöte seiner Gläubigen teile, erklärte Franziskus weiter. Das sei zusammen mit dem Gebet der Schlüssel für einen "volksnahen, demütigen, großzügigen, freudigen Humanismus", betonte Franziskus. Der "neue Humanismus in Jesus Christus" war Thema der am Montag gestarteten Kirchenversammlung.
Die Geschichten des italienischen Schriftsteller Giovannino Guareschi über den Dauerstreit zwischen dem schlitzohrigen Landpfarrer Don Camillo und dem kommunistischen Bürgermeister Peppone wurden durch ihre Verfilmung in den 1950er und 60er Jahren weltberühmt. Zu den Fans zählt auch Benedikt XVI., der in seinem Interviewbuch "Licht der Welt" über seine besondere Vorliebe für "Don Camillo und Peppone"-Filme berichtet. Diese schaue er manchmal im Kreis der päpstlichen Familie an, ihre Handlung kenne er beinahe auswendig, erzählt der Papst in dem Buch.
Bei seiner Ansprache vor dem Nationalen Konvent rief der Papst zudem die Kirche zur beständigen Erneuerung auf und warnte vor Weltflucht. "Es bringt keinen Nutzen, angesichts der Übel oder Probleme der Kirche die Lösungen im Konservatismus oder Fundamentalismus zu suchen, in der Restauration von Verhalten und Formen, die nicht einmal mehr kulturelle Bedeutung haben", so Franziskus.
Die christliche Lehre sei kein geschlossenes System, das keine Fragen oder Zweifel zulasse, "sondern sie ist lebendig, sie kann beunruhigen, anregen". Der Papst warnte die Kirche, in eine Defensive zu verfallen aus Angst, etwas zu verlieren. Er wiederholte seine bekannte Äußerung, eine zerbeulte und verletzte Kirche, die auf die Straßen gehe, sei ihm lieber als eine Kirche, die sich verschließt und dadurch krank werde.
Demut, Verzicht auf Eigeninteressen und das Streben nach Seligkeit bezeichnete Franziskus als die Säulen der kirchlichen Zukunft. Jesus habe seiner Kirche alle drei Eigenschaften vorgelebt. Dies bedeutet nach den Worten des Papstes vor allem, sich im Dienst an den Nächsten, besonders den Armen, zu erniedrigen und nicht auf die falsche Sicherheit überkommener Strukturen zu vertrauen. "Unsere Pflicht ist es, dafür zu arbeiten, um aus dieser Welt einen besseren Ort zu machen, und zu kämpfen."
Ausdrücklich sprach Franziskus von der "Option für die Armen", ein Begriff aus der lateinamerikanischen Befreiungstheologie. "Unser Glaube ist revolutionär aus einem Impuls, der vom Heiligen Geist kommt." Die Nächstenliebe und das Gebet seien der Schlüssel für den christlichen Humanismus.
Die Kirche rief der Papst zum Dialog mit allen gesellschaftlichen Kräften auf. "Dialog heißt nicht verhandeln", sagte er. Vielmehr müsse die Kirche zielorientiert und zum Besten der Gesellschaft mit Politik, Wirtschaft, Technologie und Medien zusammenarbeiten. "Die Nation ist kein Museum, sondern ein gemeinsames Werk, an dem ständig gearbeitet werden muss, in dem die trennenden Dinge miteinander in Einklang gebracht werden müssen, einschließlich der politischen und religiösen Fragen", so Franziskus.