Der Mensch steht immer in der Gefahr, positive Errungenschaften für selbstverständlich zu nehmen und auf die Dankbarkeit zu vergessen. Daran erinnerte Kardinal Christoph Schönborn in der Predigt beim Festgottesdienst der Österreichischen Bischofskonferenz am Mittwochabend, 11. November 2015 in der Salzburger Stiftskirche Michaelbeuern. Mit Bezug auf das Tagesevangelium von der Heilung der zehn Aussätzigen sei es "erschütternd" zu sehen, dass nur einer der Geheilten dafür dankte.
"Wofür danken wir heute? Der Friede bei uns, ein unglaubliches Gut seit 70 Jahren, nehmen wir ihn nicht für ganz selbstverständlich", gab der Vorsitzende der Bischofskonferenz zu bedenken. Weder der Friede, noch das entwickelte Gesundheitswesen oder der Öffentliche Verkehr seien selbstverständlich und die fehlende Dankbarkeit dafür sei genauso erschütternd wie das im Evangelium geschilderte Verhalten der neun anderen.
Gleichzeitig sprach der Kardinal von der Notwendigkeit, sich dem Anblick des Elends zu stellen. Es gelte Maß zu nehmen an Jesus, der sich den Aussätzigen trotz ihrer abstoßenden Krankheit zuwandte. Dabei zog der Wiener Erzbischof eine Parallele zur aktuellen Flüchtlingssituation: Auf den ersten Blick sehe man nur die anonyme Masse und ihr Elend, wenn man aber genau hinschaue, könne man beispielsweise Mütter mit ihren Kindern erkennen. Um zu wissen, wie man mit der Flüchtlingssituation umgehen soll, müsse man daher genau hinsehen.
Zum Festgottesdienst im Rahmen der Herbstvollversammlung der Bischofskonferenz waren zahlreiche kirchliche und politische Repräsentanten aus dem Land Salzburg gekommen. Gemeinsamen mit den österreichischen Bischöfen feierten die Messe u.a. der Apostolische Nuntius Peter Stephan Zurbriggen und der emeritierte Salzburger Erzbischof Alois Kothgasser.
Beim anschließenden Empfang auf Einladung von Erzbischof Franz Lackner ging der Salzburger Landesrat Josef Schwaiger auf die politischen Herausforderungen der Flüchtlingssituation ein. "Wenn die Antwort darauf nicht in der Mitte gegeben wird, dann geben sie die Ränder", sagte der Landespolitiker nicht ohne Selbstkritik. Er griff dabei den im Zuge der jüngsten Familiensynode in Rom immer wieder betonten Dreischritt "hinschauen, unterscheiden, begleiten" auf und meinte, dass sich auch die Politik daran orientieren sollte.
Der Kirche sei es im Unterschied zur Politik in der jüngsten Zeit gelungen, die großen Fragen aufzugreifen und auch Antworten darauf zu geben, sagte Schwaiger, der den Salzburger Landeshauptmann Wilfried Haslauer vertrat. Konkret nannte er neben der Familiensynode die päpstliche Öko-Enzyklika "Laudato si". Diese habe die komplexen Herausforderungen "auf den Punkt gebracht und in der richtigen Dosis angesprochen". Die Vollversammlung der Bischofskonferenz endet nach vier Tagen am Donnerstag.