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12.11.2015

Flüchtlinge: Probleme für Konrad "mit gutem Willen" lösbar

Flüchtlingskoordinator bei Veranstaltung des "Forums christlicher Führungskräfte".

Die Frage, ob wir uns die Flüchtlinge leisten können, "darf sich für eines der reichsten Länder der Welt, das auf christlichen Werten aufgebaut ist, einfach nicht stellen". Das betonte Flüchtlingskoordinator Christian Konrad bei einer Podiumsdiskussion des "Forums christlicher Führungskräfte" am Mittwochabend, 11. November in Wien.

 

„Wer will, der kann“

Konrad zeigte sich überzeugt, dass die mit dem Flüchtlingsstrom verbundenen Probleme mit gutem Willen lösbar seien. Er bekräftigte seine Botschaft an die Regierung: "Wer will, der kann." Scharf ging Konrad mit teilweise immer noch vorherrschendem Unwillen und Beamtenmentalität in vielen Bereichen von Politik und Verwaltung ins Gericht und forderte kreative Lösungen. Als Beispiel nannte er das jüngste "Apfelverteilverbot" durch Lebensmittel-Kontrollore wegen angeblicher Spritzmittelrückstände. Konrad regte an, 10.000 Grundwehrdiener eines Jahrgangs einmal nicht an der Waffe auszubilden. Sie könnten stattdessen für zivile Dienste instruiert und eingesetzt werden.

 

Flüchtlingsstrom wird nicht abreißen 

Der Flüchtlingsstrom nach Europa und damit auch nach Österreich werde so schnell nicht abreißen, so Konrad. Trotzdem brauche sich niemand zu fürchten. Seine Erfahrung zeige, "dass überall dort, wo es persönliche Kontakte zwischen Einheimischen und Flüchtlingen gibt, die Ängste sehr rasch abgebaut werden".

 

Seit Anfang September seien rund 450.000 Flüchtlinge nach Österreich gekommen, davon seien rund 20.000 auch hier geblieben und hätten um Asyl angesucht. Insgesamt erwarte man, dass es in Österreich mit Jahresende rund 95.000 Asylwerber geben wird. Noch würden zahlreiche Quartiere fehlen, eine ordentliche Unterkunft sei aber die Grundvoraussetzung für jede Integration, so Konrad.

 

Winterfeste Zelte für bis zu 20.000 Personen

Christian Konrad kündigte die Errichtung von winterfesten Zelten für bis zu 20.000 Personen an. Dazu habe es bereits Gespräche mit dem UNHCR gegeben. Die Lösung sei zwar nicht ideal, aber als Übergangsschritt "besser als Schlafen im Freien".

 

Man sei derzeit auch mit verschiedenen Firmen im Gespräch, um Fertigteilhäuser zu errichten, die später einmal auch für andere Zwecke verwendet werden könnten. So könnten aus solchen Notquartiere etwa später Studenten- oder Seniorenheime entstehen. Er wolle die Bewältigung der Flüchtlingskrise deshalb auch als Impuls zur Ankurbelung der Wirtschaft sehen, sagte Konrad.

 

Große Sorgen bereiten dem Flüchtlingskoordinator die rund 5.000 unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge. Diese müssten ordentlich betreut werden, wofür es mehr Personal brauche. Nachsatz: "Sonst haben wir hier einen enormen sozialen Sprengstoff in der Zukunft."

 

Terezija Stoisits, Flüchtlingskoordinatorin im Bildungsministerium, berichtete von rund 8.000 Flüchtlingskindern, die derzeit die Schule besuchen. Das sei angesichts von 1,1 Millionen Schülern in Österreich sicher verkraftbar. Große Sorgen würden ihr jene minderjährigen Flüchtlinge bereiten, die nicht mehr schulpflichtig sind. Für diese müssten Lösungen gefunden werden. Alle Integrationsmaßnahmen im Bereich der Bildung würden freilich Geld kosten. Doch das sei ein gutes Investment, nicht nur in die Zukunft der einzelnen Flüchtlinge, sondern in die österreichische Gesellschaft als ganze.

 

Mit Integration früh beginnen

Mit Konrad und Stoisits diskutierten u.a. Diakonie-Direktor Michael Chalupka, Matthias Drexel von der Caritas, Christoph Neumayr von der Industriellenvereinigung (IV) und Winfried Göschl vom Arbeitsmarktservice. Einig waren sich die Diskutanten, dass die Integration der Flüchtlinge schon mit dem Ansuchen auf Asyl beginnen müsse und nicht erst nach dem positiven Asylbescheid.

 

So sollte ein Qualifikationscheck schon im Rahmen der Antragsstellung erfolgen, forderten Neumayr und Göschl. Man dürfe sich nichts vormachen: "Fast alle Flüchtlinge werden bleiben", so Neumayer. "Deshalb müssen wir sie rasch integrieren." Forderungen nach "Asyl auf Zeit" beurteilte der IV-Vertreter sehr kritisch. Abgesehen vom "unendlichen bürokratischen Aufwand" sei dies eine integrationsfeindliche Forderung und zudem auch mit seinen persönlichen moralischen Werten nicht vereinbar. Die gut qualifizierten Flüchtlinge würden sicher ein Gewinn für die Wirtschaft sein, zeigte sich Göschl überzeugt. Probleme seien freilich bei den gering Qualifizierten zu erwarten.

 

Warnung vor Spaltung der Gesellschaft 

Chalupka und Drexel warnten vor eine Spaltung der Gesellschaft in der Flüchtlingsfrage. Deshalb, so Drexel, brauche es klare Botschaften der Politik. Zugleich dürfe auch die Sorge um obdachlose und sozial schwache Einheimische nicht vernachlässigt werden. Man dürfe die rund 30 Prozent der Bevölkerung, die sich vor den Fremden fürchten nicht verurteilen, ergänzte Chalupka. Es brauche auch ihnen gegenüber Wertschätzung. Wie Konrad bestätigte auch er, dass persönliche Begegnungen das beste Mittel gegen Angst seien.

 

Erich Pirkl von den ÖBB und Eva Höltl von der Erste Bank berichteten, wie es in ihren Firmen gelungen sei, zur Lösung der Flüchtlingskrise beizutragen - sei es durch die Bereitstellung zahlreicher Sonderzüge, die Betreuung auf den Bahnhöfen oder - wie im Fall der Erste Bank - durch die Bereitstellung ihres in Bau befindlichen Hauptquartiers am Wiener Hauptbahnhof. Von den Vorstandsmitgliedern bis zum einfachen Mitarbeiter wurde dabei ehrenamtlich mitgeholfen. Das sei alles nur möglich gewesen, so Pirkl und Höltl übereinstimmend, weil von den Führungsetagen klare positive Botschaften an die Mitarbeiter vermittelt wurden und sich die Führungskräfte selbst vor Ort engagierten.