Das Klimaschutz-Engagement der Kirche sollte nach Überzeugung der Wiener Klimaforscherin Helga Kromp-Kolb weit über konkrete Maßnahmen etwa beim Energiesparen hinausgehen. "Klimaschutz erfordert eine Abkehr von heutigen Gesellschaftsidealen wie Wettbewerb, Macht, Prestige und Schönheit. Die Kirche kann hier alternative Werte wie Kooperation, Mitgefühl, Genügsamkeit und auch Langsamkeit einbringen", so die Meteorologin im Interview mit der katholischen Presseagentur "Kathpress". Gelinge es der Kirche, zu einem Wertewandel beizutragen, sei damit schon viel getan.
Besonderes Lob zollte die Leiterin des Zentrums für Globalen Wandel und Nachhaltigkeit an der Universität für Bodenkultur Wien der Papst-Enzyklika "Laudato si", die auch viele andere Wissenschaftler begeistert habe. "Das Lehrschreiben fasst die heutige Problemlage gut zusammen und zeigt, dass die Ergebnisse aus spiritueller Perspektive dieselben sind wie aus systemischer Sicht." Papst Franziskus, der ein "Vorreiter" für das Prinzip der Genügsamkeit ("Suffizienz") sei, spreche damit durchaus auch Menschen an, die sonst nicht dafür hellhörig sind.
Auch das Klimaschutz-Bekenntnis der katholischen Bischöfe vom November 2015 würdigte Kromp-Kolb, "wenngleich die evangelischen Kirchen damit schon früher dran waren". Die Bischöfe hatten u.a. nachhaltige Leitlinien für alle Diözesen, eine Klimaschutz- und Energiestrategie sowie ökologischen Einkauf für kirchliche Einrichtungen angekündigt. Auch schon bisher habe es in Kircheneinrichtungen, Pfarren und besonders auch Klöstern sehr viele nachhaltige Einzelinitiativen gegeben, nun werde das Thema jedoch "endlich auch auf Gesamtebene angegangen", kommentierte dies Kromp-Kolb.
Die Bewältigung der Klimakrise erfordere vielfältige Lösungen, die genauso komplex wie die Ursachen des Klimaproblems sein sollten. "Das Problem war bisher, dass wir in lauter kleinen Schritten immer mehr Energie verbraucht haben. Nun sind viele Beiträge auch in umgekehrter Richtung nötig, angefangen von Energiesparlampen bis hin zu veränderter Mobilität, Verzicht auf Flugreisen im Urlaub oder Reduktion des Fleischkonsums", so die Expertin. Der nötige Wandel im Lebensstil betreffe nichts Überlebensnotwendiges und sei zudem weitaus einfacher zu bewältigen als jene Maßnahmen, die ein später beginnendes Vorgehen gegen die Klimaerwärmung erfordern würde.
Kritik äußerte Kromp-Kolb an Österreich, das seine einstige Vorreiterrolle in Umweltfragen Mitte der 1990er-Jahre aufgegeben habe und nun beim Klimaschutz in der EU ein 'Bremser' sei - "vergleichbar mit Polen, dessen Politik von den Kohlekraftwerken im Land geprägt ist". Den Klimawandel stelle hierzulande zwar kaum jemand in Frage, genauso wenig sei er aber auch Thema in der mächtigen Sozialpartnerschaft. "Alle sind für Klimaschutz, doch mit Abstrichen: Die Arbeitgeber und Industrie, sofern er im Gleichschritt mit anderen Ländern geschieht, die Arbeitnehmer, solang es dem Einzelnen nichts kostet." Notwendigkeit für eine Einigung werde offenbar nicht gesehen.
Es gibt aber keine Alternative zum Klimaschutz, steht für Kromp-Kolb außer Frage: Der Klimawandel findet statt, und die Annahmen der Klimaforschung, der man früher noch "Panikmache" vorgeworfen hatte, seien längst gesichert. "Es gab seit 20 Jahren keine revolutionären Erkenntnisse mehr. Die einzige Korrektur war, dass die erwarteten Veränderungen noch schneller vor sich gehen und auch die Auswirkungen gravierender und früher eintreten", so die Expertin. Unzweifelhaft hängen die mit der Erderwärmung verbundene Häufung von Extremwetter und Naturkatastrophen sowie der Meeresspiegel-Anstieg auch mit Migration zusammen. Prognosen von 200 Millionen Klimaflüchtlingen bis 2050 sind für Kromp-Kolb dabei eine "reale Annahme".
Wie verändertes Klima Konflikte verstärkt, zeigte die Expertin am Beispiel Syrien. Dem Bürgerkrieg ging eine von 2006 bis 2011 anhaltende Dürrephase im südöstlichen Mittelmeerraum voraus, der in Syrien 60 Prozent der Agrarflächen zum Opfer fielen. Falsche Förderung von wasserintensivem Baumwoll- und Weizenanbau sowie ineffiziente Bewässerungssysteme führten zu massiven Ernteausfällen, womit für viele kein Überleben am Land mehr möglich war. Rund 1,5 Millionen Syrer zogen in die Städte, wo sich gepaart mit politischem Versagen ein "explosives Gemisch" ergab, das laut Kromp-Kolb bestehende Konflikte zum Bürgerkrieg ausarten ließ.
Jeder Lösungsansatz für Flüchtlingskrisen sollte in einem Atemzug stets auch den Klimawandel nennen, mahnte die Klimaforscherin - "denn auch wenn in Syrien der Friedensschluss gelingt, kann sich dasselbe Muster in anderen Nahost-Regionen oder in vielen Teilen Afrikas jederzeit wiederholen". Dennoch machten "Klimaskeptiker" weiterhin Stimmung dagegen, vor allem in den USA. Kromp-Kolb sieht dafür politische Gründe: "Jene Kreise, die jede Einmischung des Staates in die Wirtschaft ablehnen, negieren einfach die Probleme, die staatliche Lösungen erfordern würden. Demselben Schema folgten sie bereits beim Loch in der Ozonschicht, dem Waldscherben oder dem Zigarettenrauch."
Zwar hätten die Proponenten alle diese Kämpfe verloren, ebenso aber auch deren Schadensbehebung verzögert, was sich beim Klimawandel katastrophal auswirken könnte: "Zaudern wir zu lange, so kann die Erderwärmung nicht mehr auf zwei Grad gegenüber dem vorindustriellen Zeitalter beschränkt werden", warnte Kromp-Kolb. Bei 2,5 oder 3 Grad wäre das Klima laut der Forschung "wahrscheinlich nicht mehr stabilisierbar", die Konsequenzen wären enorm und ein schlimmes Erbe für künftige Generationen.
Österreichs Bischöfe hatten internationalen Einsatz für jene Klimaschutzpolitik gefordert, die die Erderwärmung auf nur 1,5 Grad beschränkt. Für die Wiener Meteorologin ist dieses Ziel bei ambitionierter Vorgangsweise sowohl erreichbar als auch sinnvoll. "Schließlich bedeuten schon zwei Grad mehr nicht paradiesische Zustände, sondern drastische Folgen besonders für den ärmsten Teil der Weltbevölkerung, der am wenigsten Schuld an der Erderwärmung trägt, sowie langfristig - im Zeitraum von 2.000 Jahren - einen Meeresspiegel-Anstieg um 40 Meter", warnte die Expertin.