Bei einer Veranstaltung der Plattform "Christen und Muslime" am Donnerstagabend, 19. November 2015, in Wien diskutierten deren Vorsitzende Susanne Heine und der muslimische Theologe Senad Kusur unter dem Titel "Koran trifft Bibel" über die Gefahr politischer Vereinnahmung der Religion. Einzelne Stellen aus dem Koran zu nehmen, ohne den Gesamtzusammenhang zu sehen und diese auf eigene politische Positionen anzuwenden, sei eine schwere Verfehlung gegenüber dem Glaubensanspruch des Islams, stellte Heine fest.
Für die Muslime sei der Koran die "übernatürliche, unnachahmliche Art Gottes zu sprechen", die an Mohammed überliefert und niedergeschrieben wurde, erläuterte Kusur. Der Koran sei das "reine Wort Gottes". Es gebe aber vielfältige Möglichkeiten, den Koran zu interpretieren. Moderne muslimische Exegeten wollten Menschen dafür sensibilisieren, dass jede Art der Interpretation relevant sei und man mit allen respektvoll umgehen müsse. Gefährlich sei allerdings eine politische Interpretation, die versucht, "politische Konzepte herauszulesen und in schon vorhandene politische Kontexte einzusetzen", so Kusur. Er ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Islamische Studien der Universität Wien und Imam in Tulln.
Die Bibel sei zunächst Zeugnis der Geschichte und werde nicht als unmittelbare Offenbarung Gottes verstanden, verdeutlichte Prof. Heine den Unterschied zwischen Koran und Bibel. "Das Christentum unterscheidet zwischen Offenbarungsereignis und Offenbarungszeugnis." Wenn man die Bibel als reines Wort Gottes - wie der Koran - verstehen würde, dann würde sie widersprüchlich wirken. Das Gotteswort lasse sich nicht rein erfassen, da es immer durch menschliche Worte vermittelt werden würde. "Menschen können nichts so absolut wahr verstehen, wie das Wort Gottes ist. Jedes Verstehen ist Interpretation und nicht absolut wahr", erklärte Heine.