Der katholische Bischof von Banja Luka in Bosnien, Franjo Komarica, ist skeptisch hinsichtlich der Fähigkeit Westeuropas, die große Zahl der ankommenden Flüchtlingen zu integrieren. Viele kämen aufgrund falscher Versprechungen, und die Politik Europas könnte beim Aufbau eines gemeinsamen Miteinanders ebenso scheitern wie schon bei der Hilfe zum Wiederaufbau Bosien-Herzegovinas seit dem Dayton-Abkommen, sagte Komarica in einem "Kathpress"-Interview am Samstag in Wien. Der Bischof hatte am Freitagabend, 20. November 2015 sein Buch "Liebe. Macht. Erfinderisch." präsentiert. Zusammengestellt wurde es von dem deutschen Journalisten Winfried Gburek.
"Ich habe Sorge, dass diese Völkerwanderung schief geht. Dass sich aus Angst oder Engherzigkeit scharenweise Menschen gegen die Ankommenden wenden. Dass es schlussendlich zu Krawallen kommt, und ich schließe nicht aus, dass manche das wollen", erklärte der Bischof der heute hauptsächlich von orthodoxen Serben bewohnten Diözese Banja Luka in Westbosnien, deren Gebiet von den sogenannten "ethnischen Säuberungen" im Zuge der Balkankriege besonders betroffen war.
Hinter dem Krieg in Syrien sieht Komarica ausländische Interessen. Dies sei auch in Bosnien der Fall gewesen und treffe auch auf die Ukraine zu. "Wer hat denen Waffen gegeben? Da gibt es so viel Heuchelei der europäischen und amerikanischen Welt", gab Komarica zu bedenken. Und: "Wenn die Menschen dort nicht zusammenleben können, warum sollen sie das in Europa können?"
Sein Heimatland Bosnien-Herzegovina habe im November 1995 von der Internationalen Gemeinschaft unter Federführung der USA eine "absurde" Staatsform mit vier Verfassungen verpasst erhalten, sagte Komarica. Die Vertreibungen seien allerdings nicht rückgängig gemacht worden. "Es fehlt der Rechtsstaat. Die Verbrecher wurden belohnt, die Opfer bestraft."
Am Samstag jährt sich der Tag des Dayton-Friedensabkommens zum 20. Mal. Aus diesem Anlass habe er - so der Bischof - vergangene Woche eine Tagung mit Vertretern aller Volksgruppen in Banja Luka organisiert, mit dem Titel "Die letzten Vertreibungen". Dabei seien beeindruckende Zeugnisse von serbischen Referenten zu hören gewesen. Sie hätten gesagt: "Wir sind erschüttert über Paris, aber doch noch mehr über das, was hier passiert ist. Denn wir schämen uns dafür." Laut Komarica wurden zwischen 1992 und 1995 in Banja Luka mehr als 600 nichtserbische Einwohner ermordet, unter ihnen sechs Priester.
Einiges Positives bewirkt hat nach Komaricas Beobachtung der Sarajevo-Besuch von Papst Franziskus im vergangenen Juni. "Es hat eine sonderbar angenehme Atmosphäre des Wohlwollens geherrscht. Auch die Politiker aller Gruppen waren beeindruckt. Ich habe mir gedacht: Sie können doch, wenn sie wollen."
Der Papst habe Druck ausgeübt. "Er wollte dorthin gehen, wo die Nahtstellen von Christentum und Islam liegen - nach Bosnien, nach Albanien." Der Besuch habe auch Wirkung in Richtung Brüssel gehabt. Bosnien, sein ungelöster Konflikt und die notwendige Integration des "Westbalkan" sei wieder ins Bewusstsein gerückt, meinte Komarica im "Kathpress"-Interview.
Der Bischof ging auch auf die ökumenisch-interreligiöse Situation in seiner Heimat ein. Er habe die Priester seiner Diözese angespornt, die Begegnung mit den Orthodoxen und Muslimen zu suchen. "In manchen Orten geht es, in anderen nicht. Wir müssen Rücksicht nehmen." Ein orthodoxer Partner habe ihm erklärt: "Ihr habt ein Zweites Vaticanum gehabt, mit Anweisung zur Ökumene, zum Dialog. Wir haben so etwa nicht gehabt."
Komarica wies dabei auch auf die "Ökumene der Tat" hin. Ein zukunftsweisendes Projekt sei die Krankenpflegeschule, eine weiteres die Europaschulen in katholischer Trägerschaft. In seiner Diözese stünden zwei Europaschulen: in Banja Luka (mit 80 Prozent serbisch-orthodoxen Schülern) und in Bihac (mit 60 Prozent muslimischen Schülern). Es gebe eine enge Zusammenarbeit mit dem Gymnasium Duisburg-Hamborn: "Sie wollen studieren, wie wir mit den Muslimen umgehen. Sie haben eine ähnliche Situation in ihrer Stadt."