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21.11.2015
Tagung im KAICIID

Wien: Juden, Christen und Muslime würdigen "Nostra Aetete"

Tagung im König-Abdullah-Dialogzentrum zur Konzilserklärung über die nichtchristlichen Religionen.

Prominente Vertreter des Judentums, Christentums und des Islam haben am Donnerstag, 19. November 2015 bei einer Tagung im Wiener König-Abdullah-Dialogzentrum (KAICIID) die vor 50 Jahren verabschiedete Konzilserklärung "Nostra Aetate" gewürdigt. In dem Dekret hatte die katholische Kirche ihr Verhältnis zu den nichtchristlichen Religionen neu geregelt.


„Kopernikanische Wende“

Der "Interfaith Relations"-Berater des Großrabbinats von Israel, Rabbiner David Rosen, nannte "Nostra Aetate" eine "Kopernikanische Wende" der Kirche. Beim Konzil habe sich gezeigt, dass große Veränderungen in Beziehungen - von jahrhundertelangen Feindschaften zu neuen Freundschaften - in kürzester Zeit möglich sind. Der Berater des höchsten libanesischen Muftis, Muhammad Al-Sammak, sagte, dem Islam würde es gut tun, eine Führungspersönlichkeit mit der Geisteshaltung eines Papstes Johannes XXIII. zu haben.

Rabbiner Rosen sieht "Nostra Aetate" als Erklärung, in der die katholische Kirche der für die Shoah mitverantwortlichen "Theologie der Verachtung" abgeschworen hat. Die Kirche sehe die Juden nicht mehr als aus dem Bund Gottes Gewiesene, als Verfluchte und als Gottesmörder an, sondern als Träger des nicht aufgekündigten Bundes, sagte Rosen.

"Nostra Aetate" habe eine Vorgeschichte, die in die frühen 1950er-Jahre zurückreiche, erinnerte der Rabbiner. Damals sei Giuseppe Angelo Roncalli, der spätere Papst Johannes XIII., Nuntius in Paris gewesen (1944-1953), und es seien die Bücher des jüdischen Historikers Jules Isaac - darunter "Jesus et Israel" - erschienen, die Roncalli gelesen habe und von denen er tief bewegt gewesen sei. Isaac, der viele Angehörige im Holocaust verloren hatte, habe Roncalli unmittelbar nach dessen Wahl zum Papst gebeten, die Karfreitagsbitte um Bekehrung der "verfluchten" Juden zu eliminieren, so Rosen. Dies habe der Papst sogleich getan. Zwei Jahre vor Konzilsbeginn habe Isaac den Papst auch um ein Dokument über ein neues Verhältnis zum Judentum gebeten.

Zu Konzilsbeginn habe der Papst Kardinal Augustin Bea mit der Koordinierung einer Judenerklärung beauftragt. Doch der Widerstand gegen die Erklärung sei sehr groß gewesen. Zum einen seien die Bischöfe aus den arabischen Ländern strikt dagegen gewesen. Es habe aber auch Ablehnung seitens der Süd- und Ostasiaten gegeben, sagte Rosen. Diese Bischöfe hätten keine Nähe zum Judentum gesehen, dafür aber Verbundenheit mit ihren hinduistischen und buddhistischen Landsleuten. Dass deshalb ein eigenes Dokument über die nichtchristlichen Religionen angedacht und dann auch beschlossen wurde, sei ein diplomatischer Kunstgriff gewesen, sagte der Rabbiner. "Nostra Aetate" sei zwar das kürzeste Dokument des Konzils, aber "es brachte eine Revolution".

Muhammad al-Sammak sagte, dass Johannes XXIII. auch großen Respekt vor dem Islam gehabt habe. Er habe ihn in seiner Zeit in Istanbul, als Apostolischer Delegat und Vikar für die Türkei und Griechenland, kennengelernt. "Es gibt Christen, die sehnen sich nach der zweiten Wiederkunft Jesu, es gibt Muslime, die sehnen sich nach dem Kommen des Mahdi, andere Muslime, die ein Kalifat ersehnen. Ich bin da bescheiden: Ich warte auf einen Muslim wie Giuseppe Roncalli", sagte der libanesische Dialogbeauftragte.


Bibel und Koran "müssen höher liegen"

Die Wiener Theologin und Sozialethikerin Ingeborg Gabriel hob die Bereicherung des eigenen Glaubens durch die Begegnung mit Andersgläubigen hervor. Als Beispiel nannte sie den Ort der Bibel in ihrer Wohnung. Diese liege höher als alle anderen Bücher, und sie werde von keinem anderen Buch verdeckt. Diese Anordnung geschehe ganz bewusst, so Gabriel. Sie habe einmal einen Muslim kennengelernt, der ihr geschildert habe, dass der Koran höher liegen müsse und nicht abgedeckt sein dürfe. "Immer, wenn ich in meiner Wohnung die Bibel liegen sehe, weiß ich deshalb, dass ihr Standort eine muslimische Vorgeschichte hat", so Gabriel.

Vor dem Podiumsgespräch war Kardinal Christoph Schönborn in einem Eröffnungswort auch auf die Attentate in Paris eingegangen. Diese könnten das immer stärkere Bewusstsein eines "Global village" und Nachbar-Seins nicht schwächen. Gläubige Menschen wüssten auch, dass sie sich für das irdische Leben verantworten müssten, so der Erzbischof, der in diesem Punkt auf die Umweltfrage und auf den Einsatz für Frieden und Versöhnung als Beispiele verwies. "Wir können hier voneinander lernen, und wir haben gemeinsame Verantwortung", resümierte der Kardinal.

Der Pariser orthodoxe Metropolit Emanuel (Adamakis) sagte, Christen in aller Welt wüssten, dass die Religion nicht das Trennende sei. "Es waren Angriffe auf die Zivilisation durch Menschen, die keinerlei Zivilisation haben. Es waren Angriffe im Namen der Religion durch Menschen, die keinerlei Religion haben." Es gebe keine Religion auf der Welt, die sagt "du sollst den anderen töten, um glücklich zu sein", so Adamakis.