Der irakische chaldäisch-katholische Patriarch Louis Raphael I. Sako hat am Sonntag, 22. November 2015 einen mehrtägigen Besuch in Österreich begonnen. Unmittelbarer Anlass seines Besuchs ist ein Workshop zum Thema "Das kulturelle Erbe des Nahen Ostens - Aktuelle Bedrohungen und Szenarien für den Schutz in Zukunft" im Rahmen der Tagung des Internationalen Zentrums für Archivforschung (ICARUS), die auf Einladung des Diözesanarchivs St. Pölten stattfindet. Sako hält am Montagabend im St. Pöltner bischöflichen Sommerrefektorium (Domplatz 1) einen Vortrag über die Situation der Christen und ihres kulturellen Erbes im Irak. Am Mittwochabend, 25. November 2015 zelebriert er mit der Wiener chaldäischen Gemeinde in der Kirche am Leberberg (XI., Svetelskystraße 9) einen feierlichen Gottesdienst.
Präsident von ICARUS ist der Leiter des Diözesanarchivs St. Pölten, Thomas Aigner. Im Gespräch mit der Stiftung "Pro Oriente" sagte er am Wochenende, die kriegerischen Auseinandersetzungen in Syrien und im Irak brächten das in frühchristliche Zeiten zurückreichende kostbare kulturelle Erbe der orientalischen Christen und damit die Wurzeln der gesamten Christenheit in höchste Gefahr. Zu diesem kulturellen Erbe gehörten auch die historischen Archivbestände. "Wir haben das Glück, mit ICARUS über ein jahrelang gewachsenes, weltumspannendes Netzwerk zu verfügen. Nun ist der Zeitpunkt gekommen, all unsere Kräfte und unsere Expertise zu bündeln, um unseren Kollegen in der Krisenregion bestmöglich zur Seite zu stehen", so Aigner. Besonders wichtig seien in diesem Zusammenhang die Digitalisierungsprojekte, die den Inhalt kostbarer Dokumente vor kriegerischen Auseinandersetzungen und dem barbarischen Zugriff von Terroristen retten können.
An der Tagung im Bildungshaus St. Hippolyt nehmen 70 Expertinnen und Experten aus 30 Ländern teil, darunter der in der Patriarchalkurie in Bagdad tätige chaldäische Bischof Shlemon Warduni, der irakische Dominikaner P. Mikhael Nadschib und der Archäologe Prof. Andreas Schmidt-Colinet von der Universität Wien. Dieser hatte 30 Jahre lang in dem vor kurzem von der Terrormiliz IS zu einem Teil in die Luft gesprengten UNESCO-Weltkulturerbe Palmyra geforscht.
Zwar gebe es bereits zahlreiche Aktivitäten zur Sicherung der gefährdeten Kulturgüter, so Prof. Schmidt-Colinet "Pro Oriente" gegenüber. Diese Aktivitäten seien "sicher gut gemeint", jedoch häufig wenig nachhaltig. "Im Moment passieren vor allem Schnellschussaktionen, die mehr oder weniger sinnvoll parallel nebeneinander laufen", so der Archäologe.
Zu Beginn der Tagung gibt er in einem Vortrag einen Überblick über die aktuelle Situation der Archivbestände im Irak, die momentan - wie alle Kulturgüter - extrem gefährdet sind. Der systematische Raub und Verkauf von Kulturgütern rangiert mittlerweile an dritter Stelle nach dem Waffen- und Drogenhandel in der internationalen Kriminalstatistik.
P. Mikhael Nadschib hat unter Einsatz seines Lebens unzählige historische Dokumente und Manuskripte auf der Flucht vor den IS-Terroristen von Mossul nach Erbil in Sicherheit gebracht. Der Dominikaner hatte jedoch bereits zuvor mit der digitalen Archivierung von Manuskripten begonnen. "Die Hälfte der Originale existiert heute nicht mehr", so Nadschib. Die Dominikaner im nördlichen Mesopotamien hatten sich schon seit 25 Jahren neben der Seelsorge auf die Digitalisierung und Archivierung wertvoller historischer Dokumente spezialisiert.
ICARUS-Mitglied Istvan Kenyeres vom Budapester Stadtarchiv berichtet in St. Pölten von einer Hilfsaktion für ukrainische Archive. Patricia Engel, Leiterin des "European Research Centre for Book and Paper Conservation-Restoration" an der Donau-Universität Krems, spricht über ihr geplantes Vorhaben "Restauratoren ohne Grenzen". "Ähnlich dem weltumspannenden Netzwerk 'Ärzte ohne Grenzen' möchte ich in St. Pölten einen Verein zur Rettung von Büchern in Not, egal wo diese sind, gründen", erklärte Engel ihre Idee.
Das ICARUS-Netzwerk umfasst aktuell mehr als 170 Archive und wissenschaftliche Institute aus mehr als 30 europäischen und amerikanischen Staaten. ICARUS ist auch das Dach von drei digitalen Plattformen: "Matricula" ein serviceorientiertes Online-Portal für Kirchenmatriken auf einer grenz- und konfessionsübergreifenden Grundlage, "Monasterium", ein virtuelles Urkundenarchiv mit mehr als 400.000 mittelalterlichen und neuzeitlichen Urkunden aus rund 60 Institutionen in zehn europäischen Ländern, "Topothek", ein regionalhistorisches Nachschlagewerk bestehend aus Fotos und Ansichtskarten.