Michael Prüller: Mission wird heute oft als aufdringlich verstanden. Welches Ziel hat eigentlich Mission?
Otto Neubauer: Die beste Übersetzung für Mission ist für mich: Lieben, lieben, lieben! Aber eben nicht nur die, die in unseren vertrauten Kreisen sind, sondern besonders diejenigen, die es schwer haben oder die, die sich weit von Gott und Kirche fühlen. Es beginnt mit meinem ehrlichen Interesse für die alltäglichen Sorgen und Freuden meiner atheistischen oder muslimischen Nachbarn bzw. Arbeitskollegen. Durch mein Mitgefühl sollen sie erfahren können, dass Gott sie echt gern hat, d.h. dass es letztlich für jeden ein Zuhause, eine Heimat, gibt. Gerade für die scheinbar „Verlorensten“ sollen wir Christen die Oasen des Angenommenseins sein. Bei der Mission geht es zutiefst um Einladung und Gastfreundschaft, also das Gegenteil von Aufdrängen. Das wirklich menschlich Außergewöhnliche ist, dass wir auf ein „Vaterhaus“ verweisen können, in dem wirklich alle willkommen sind.
Michael Prüller: Muss jeder Christ Missionar sein? Genügt nicht das Lebenszeugnis?
Otto Neubauer: In der Tat, unser Leben ist die erste Mission; und die Mission ist die tiefste Identität eines jeden Christen. Das bedeutet aber, dass man auch an unserem Leben sehen kann, dass wir aus der Freundschaft mit Christus heraus leben. Das macht andere in der Regel neugierig und provoziert Fragen; dann können wir ihnen von der Botschaft erzählen, die uns erfüllt. Hier haben wir Nachholbedarf, es braucht nämlich ein neues Lernen, wie mit anderen über den Glauben zu sprechen. Die Menschen sind ja viel interessierter, als wir vermuten. Wir haben viel zu viel Angst. Dieser Dialog ist spannender und erwarteter als wir meinen. Bedingung ist allerdings zuerst ein Hinhören.
Michael Prüller: Und ist nicht jede Pfarre von vornherein missionarisch? Was machen „missionarische“ Pfarren anders?
Otto Neubauer: Wenn wir mit Pfarren zur Mission arbeiten, fasziniert mich jedes Mal, dass sie eigentlich immer selbst wissen, was zu tun wäre. Auf die Frage, wo denn Jesus hingehen würde, wenn er überraschend nächste Woche ihr Pfarrgebiet besuchen würde, nennen sie immer als erste Adressaten die „Ärmsten“ und die „Fernsten“. Die entscheidende Frage ist nur jedes Mal, ob wir als Pfarre wirklich glauben, dass wir genauso im Namen Jesu unterwegs sind, dass wir wirklich Jünger und Jüngerinnen Christi sind. Die große Herausforderung besteht darin, dass wir heraustreten aus unseren allzu geschlossenen Milieus.
Michael Prüller: Sie selber sind oft im missionarischen Einsatz. Überfordert Sie das nicht manchmal?
Otto Neubauer: Das eine oder andere Mal überkommt mich bei missionarischen Aktivitäten zuerst durchaus eine Art Angst oder Scheu. Aber das verändert sich sehr bald in echte Freude über die überraschenden Begegnungen mit Menschen, die ich normalerweise nicht getroffen hätte. Was mich berührt, ist, dass es vor allem die vermeintlich „Gottfernen“ sind, in denen ich das Wirken des Heiligen Geistes erfahren kann. Dadurch werde ich selbst am meisten evangelisiert.