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03.12.2015

Integration als Entwicklungschance

Der Theologieprofessorin Regina Polak geht es darum, dass Migration innerhalb der europäischen Gesellschaft nicht nur als Problem, sondern auch als Chance wahrgenommen wird.

Was denken Sie, wenn Sie die Bilder der Flüchtlingsströme sehen?


Regina Polak: Sie erinnern mich an die Bilder vom Exodus, wie ihn uns die Bibel berichtet: Wie die Apiru, also die Hebräer, aus der ägyptischen Sklaverei und, wie man es heute sieht, die Menschen überhaupt aus autoritären despotischen Machtverhältnissen ausgezogen sind.


Vielleicht künden uns diese Flüchtlinge von der Möglichkeit einer Befreiung, die diese Menschen, die da kommen, natürlich zu allererst notwendig haben. Theologisch betrachtet steht Gott zuerst auf deren Seite. Aber möglicherweise steckt für uns selber hier in Europa ein Befreiungspotenzial darin, weil die Flüchtlinge uns in einem gewissen Sinn einen Spiegel vorhalten und uns damit ermöglichen, darüber nachzudenken, was ihre Ankunft mit unserer Lebensweise zu tun hat. Wobei man nüchtern konstatieren muss: Wir müssen unsere Lebensweise sowieso verändern, davon unabhängig, ob jetzt Flüchtlinge kommen oder nicht – Stichwort Klimawandel oder globale Gerechtigkeit. Ob wir in Europa mehrheitlich das so wahrnehmen können, bin ich ein bisschen skeptisch, weil es eine sehr humanistische oder in meinem Fall eine religiöse Perspektive braucht, in diesen Bildern auch die Hoffnung zu sehen.

 


Was heißt religiöse Perspektive?

 

Regina Polak: Das kann man nachlesen in „Erga migrantes caritas Christi“, der Instruktion des päpstlichen Rates für Migranten und Menschen unterwegs, wo die Autoren dieses lehramtlichen Schreibens Migration als „Zeichen der Zeit“ bezeichnen. Es bietet die ausgezeichnete Möglichkeit, den Plan Gottes für seine Menschheit, nämlich das Evangelium des Friedens und der Versöhnung zu verkünden, zu verwirklichen. Das ist eine überaus hoffnungsvolle Perspektive. Das zeigt auch wieder einmal, dass christliche Hoffnung kein naiver Optimismus ist. Dieser ist vollkommen unangebracht in der momentanen Lage. Aber selbst in einer so schwierigen Situation für die Flüchtlinge und die Welt insgesamt besteht vielleicht doch die Möglichkeit für das, was ich biblisch eine Umkehr nenne, hebräisch „Teschuwa“ oder neutestamentlich „Metanoia“. Darauf hoffe ich.

In diesen Tagen wird immer wieder von der Integration der Migranten gesprochen. Wie kann diese gelingen?

 

Regina Polak: Ich selbst mag das Wort Integration nicht besonders, weil es im alltäglichen und vor allem politischen Verwendungszusammenhang in der Regel die Einfügung und Anpassung einer kleinen Gruppe in eine große bedeutet – mit der Wahnvorstellung, dass dann keine Störungen durch etwaige Unterschiede mehr auftauchen können oder sollen. Ich verwende lieber die Begriffe Inklusion und Partizipation. Wenn man den Integrationsbegriff positiv versteht, kann damit nur gemeint sein, dass nach einem Prozess, der in erster Linie Teilhabe und Zusammenleben in der Praxis bedeutet, die Unterschiede zwischen den einzelnen Mitgliedern der kleineren Gruppe genauso groß sind wie die Unterschiede zwischen den einzelnen Mitgliedern der größeren. Denn es gibt die Unterschiede nicht nur zwischen der Mehrheit und Minderheit, sondern auch innerhalb der Mehrheit und innerhalb der Minderheit. Dieser Prozess eröffnet der Mehrheit die Möglichkeit, über ihre eigenen Strukturen, Institutionen, Meinungsfindungsprozesse, Werte usw. nachzudenken. Ich sehe in diesem Sinn Integration als eine Entwicklungschance. Das ist keine Idylle, weil natürlich Wertekonflikte auftauchen werden und müssen. Integration gelingt, wenn dieser Prozess als Teilhabe inszeniert wird, wenn die notwendigen Konflikte so geführt werden, dass sie von dem Interesse getragen sind, sich gemeinsam weiterzuentwickeln.

 

In der jüngsten Zeit werden verpflichtende Werteschulungen für Flüchtlinge diskutiert. Sind wir uns in Österreich und Europa überhaupt bewusst, über welche Werte wir eigentlich reden?

 

Regina Polak: Wir bringen jetzt den Migranten unsere europäischen Werte bei. Das impliziert aber, dass Menschen kommen, die entweder offensichtlich gar keine Werte oder so radikal andere Werte als wir haben, dass wir ihnen das irgendwie erst beibringen müssen. Das fördert nicht gerade das Zusammenleben, weil es aufgezwungen ist. Zumal viele Flüchtlinge genau deshalb kommen, weil sie diese europäischen demokratischen Werte – Freiheit, Gleichheit, Pluralität – selber wollen und schätzen und genau vom Gegenteil flüchten. Wenn es um Werteintegration beispielsweise geht, wäre das Ziel, dass – wie schon vorher angesprochen – ein solcher Prozess dazu führt, dass sowohl die Mehrheit als auch die Minderheit miteinander in Kommunikationsprozesse getreten sind. Dabei haben alle ein Stück weit tiefer und besser verstanden, was Werte überhaupt sind, auf welche Werte wir uns miteinander verständigen und wir mit den dann immer noch verbleibenden Unterschieden in diesem Wertesystem umgehen.


Welche Rolle spielt Religion bei Integrationsprozessen, welche Schwierigkeiten tauchen auf?


Regina Polak: Bei Migration spielt Religion evidenterweise eine massive Rolle, weil die Mehrheit der Migranten und Flüchtlinge Religion im Gepäck mitbringt, das ist ganz normal. Aber was vielleicht für unsere Breitengrade schwieriger ist, dass es jetzt nicht die angeblich vertraute christliche Religion ist, sondern eben auch der Islam in seinen unterschiedlichsten Facetten und Formen.


Religion spielt dort eine Rolle, wo wir plötzlich mit katholischen Bischöfen konfrontiert sind, die in einer langen christlichen Tradition der Islamophobie stehen. Man muss sich daran zurückerinnern, dass die negativen Stereotypen über den Islam eigentlich seit der Zeit seiner Entstehung in den christlichen Kirchen und Theologien präsent sind. Der Islam war von jeher der Archetyp der anderen Religion, der anderen Kultur, ein Inbegriff der Ankündigung der Apokalypse. Das sind Motive, die medial, politisch, gesellschaftlich dauerpräsent sind. Es ist erschreckend, wie diese alten Bilder immer noch da sind und unsere Wahrnehmung prägen.


Aber auch die christlichen Migranten kommen aus unterschiedlichen kulturellen Traditionen und mit anderen Formen des Christentums, wie sie bei uns gelebt werden. Religion hat in diesem Kontext auch die ganz zentrale Bedeutung, uns damit zu konfrontieren, was heißt es mit der religiösen Differenz zu leben. Das löst man nicht dadurch, dass man sich begierig auf die Gemeinsamkeiten stürzt. Das ist schon notwendig, weil ansonsten die Fremdheitserfahrung wieder so stark wird. Aber der Knackpunkt ist, wie nehmen wir diese Unterschiede dann noch wahr, wie reagieren wir darauf und was bedeuten sie auch für unseren Glauben. Im Zusammenhang mit Integration zitiere ich den evangelischen Bischof Michael Bünker: „Religion kann ein Teil der Lösung und ein Teil des Problems sein.“ Beides ist der Fall und in allen Religionen.

Welche positiven Beispiele gibt es?


Regina Polak: Das Christentum kann ein Teil des Problems sein, nämlich dann, wenn wir in empirischen Studien feststellen, dass sich die christliche Bevölkerung in Bezug auf ihre islamophoben Vor- und Einstellungen nicht signifikant vom Rest der Bevölkerung unterscheidet. Aber gleichzeitig ist das Christentum natürlich ein Teil der Lösung, nämlich in Form der Gemeinden, die momentan viele Flüchtlinge aufnehmen. Pfarren in Wien arbeiten im Strukturreformprozess zusammen, die das nie getan hätten, wenn sie gezwungen gewesen wären, sich über gemeinsame Ziele  zu verständigen. Aber die Situation macht plötzlich Kontakte und Beziehungen möglich, weil man sich die Arbeit mit den Flüchtlingen aufteilen muss und möchte. Oder die Beobachtung, wie viele Menschen plötzlich in Gemeindenähe kommen, die schon lange keine Kirche gesehen haben, weil sie sich engagieren wollen. Da findet ein unglaublicher Vitalisierungsschub statt. Das kann auf christlicher Seite eine positive Wirkung von Religion sein.

Wie sieht es auf der islamischen Seite aus?


Regina Polak: Ich halte es für ein riesiges Problem, dass Muslime mit der Staatsbürgerschaft eines europäischen Landes permanent unter Rechtfertigungsdruck stehen und jetzt auch nach Paris sich dafür rechtfertigen müssen, wieso diese irren Terroristen das gemacht haben. Das unterstellt subtil, die österreichischen oder europäischen Muslime gehören eigentlich eher zu denen als zu uns. Das verbessert nicht das Klima des Zusammenlebens und fördert eher Radikalisierungen.
Aber was förderlich ist und sein könnte, das sind genau die muslimischen Mitbürgerinnen und Mitbürger, die sich als Österreicher, als Franzosen, als Deutsche schon längst verstehen, wo so etwas wie ein europäischer Islam schon längst existiert. Diesen muss man nicht unter staatlicher Mithilfe noch  neu erfinden, es gibt ihn schon. Es gibt Menschen, die sind in der Lage in mehreren religiösen Logiken zu denken  und zu leben. Diese Menschen, die einen solchen Islam vertreten, entwickeln und auf eine sehr europäische Weise ihren Glauben praktizieren, wären dringend als Brückenbauer zu fördern. Ich würde sogar so weit gehen, wenn es  in Europa gelingt, mit Muslimen zusammenzuleben, dann ist das nicht nur für unseren sozialen Frieden notwendig und gut, sondern ein globales Friedenssymbol und die Menschen dieses Kontinents können tatsächlich so etwas wie Brückenbauer und Vermittler sein.
Amin Maalouf hat das so formuliert: "Wenn uns das nicht gelingt, dann besteht die große Gefahr, dass die Welt in einer gröberen Barbarei versinkt."  Wir haben einen friedenspolitischen Auftrag, der weit über die Grätzel-Arbeit hinausgeht und tatsächlich eine Frage der Globalpolitik ist.