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02.12.2015
Gruft-Winteraktion

"Druck auf Arme steigt": Caritas schnürt "Winterpaket"

Caritaspräsident Landau: "Die Not steigt und damit auch der Spendenbedarf".

Die sinkenden Temperaturen machen das Leben der einigen hundert obdachlosen Menschen auf Wiens Straße zunehmend beschwerlich. Die Caritas schnürt deshalb auch heuer wieder ihr traditionelles "Winterpaket": 50 Euro kosten ein winterfester Schlafsack und eine warme Mahlzeit für einen Obdachlosen. Gerade vor dem Hintergrund der Wirtschaftskrise sei die Hilfe nötiger denn je, so Caritaspräsident Michael Landau: "In unserer Arbeit sehen wir: Der Druck auf Menschen am Rande der Gesellschaft steigt." Gemeinsam mit Schauspielerin Adele Neuhauser und Caritas Wien-Generalsekretär Klaus Schwertner bat er am Mittwoch, 2. Dezember 2015 bei einer Pressekonferenz in Wien um die Hilfe der Bevölkerung.

 

Ausgabe von warmen Mahlzeiten und Nächtigungszahl steigt

"Die Not steigt und damit auch der Spendenbedarf": Der Negativtrend bei den Essensausgaben und der Nächtigungszahl in der den Betreuungsstellen der Caritas halte auch heuer an. Bis 30. November 2014 erhielten etwa im Betreuungszentrum Gruft in der Wiener Barnabitengasse 105.594 Betroffene warmes Essen, 2014 waren es bis Jahresende 117.945, vor zehn Jahren rund 72.000. "Die Zahl aus 2014 werden wir heuer sicher übertreffen", prognostiziert Landau. Und auch die Nächtigungszahlen gehen in diese Richtung: 2014 nächtigten 20.080 Obdachlose in der Gruft, heuer liegt die Zahl bereits bei rund 19.500 Nächtigungen.

 

Unterstützt wird die "Gruft"-Winterpaket-Kampagne heuer von Schauspielerin Adele Neuhauser. "50 Euro zu geben tut nicht weh. Wenn man dafür erreichen kann, dass ein Mensch die Nacht überlebt, ist das wenig", so Neuhauser bei der Präsentation der Kampagne. Erlagscheine liegen in den meisten Bankfilialen auf, auch über die Homepage www.gruft.at können die Bankdaten abgerufen werden. Dort ist auch aufgelistet, was in der Betreuungsstelle sonst noch gebraucht wird.

 

Mehr Quartiere und neues Mietrecht

Erfreut zeigte sich der Caritaspräsident über die Ansage der Stadt Wien, "kein Mensch soll auf den Straßen Wiens frieren müssen". Gemeinsam mit Nichtregierungsorganisationen hat die Stadt zumindest bis April das Angebot an Notquartieren erhöht. Das sei gut so, betone Landau, ob es auch ausreicht, werde sich erst zeigen. Obdachlosigkeit sei aber nicht auf den Winter beschränkt. Die Caritas wünscht sich deshalb Sommer wie Winter Schutz und Perspektiven für Betroffene.

 

Dringend nötig sei auch eine Mietrechtsreform. Landau an die Bundesregierung: "Die seit langem versprochene Mietrechtsreform muss endlich Wirklichkeit werden. Denn das Problem nicht leistbarer Mieten habe die Mittelschicht längst erreicht." Landau untermauerte seine Forderung mit Zahlen: "Die Zahl der Menschen, die in prekären Wohnverhältnissen leben oder die von akuter Obdachlosigkeit bedroht sind, ist allein in den vergangenen vier Jahren um fast 30 Prozent gestiegen. Allein heuer wandten sich bereits 5.577 Menschen mit Problemen rund ums Wohnen hilfesuchend an die Caritas." Hoffnung auf eine baldige Reform und somit auf eine Entlastung am Wohnungsmarkt habe er aber kaum: "Die Regierung ist nun 715 Tage im Amt und nichts ist geschehen, dass jetzt auf einmal eine Reform kommt, glaube ich nicht."

 

 

Scham um Hilfe anzunehmen, oft zu groß

Nicht alle Betroffenen wenden sich an Betreuungszentren: "Oft ist die Scham zu groß", so Landau. Einer von ihnen war Herr Lehner. Über 20 Jahre hat er mit kurzen Unterbrechungen auf der Straße gelebt. Seine Freundin habe ihn damals betrogen, danach folgte der Abstieg: Jobverlust, Alkoholprobleme und schließlich ein Leben auf der Straße. Aus Scham hat sich Herr Lehner über Jahre hinweg geweigert, Hilfe von Sozialarbeitern anzunehmen. Seit Februar 2015 lebt er nun in der Wiener "VinziRast". Dort teilt er sich eine Wohnung mit fünf anderen Obdachlosen. Und Herr Lehner hat Pläne: "Schön wäre es, wenn ich bis zum Ende in der 'VinziRast' bleiben könnte. Jetzt muss ich aber erst mal vom Alkohol loskommen." Damit ihm das gelingt, besucht der resolute 51-Jährige einmal die Woche eine Therapie in der Gruft.

 

Um auch jene Menschen auf der Straße zu erreichen, die ähnlich wie Herr Lehner nur schwer Hilfe annehmen wollen, hat die Caritas den Kältebus, den Canisibus, den Louisebus und die Caritas-Nachtstreetwork ins Leben gerufen. Mit dem Kältebus werden in den kalten Wintermonaten obdachlose Menschen in Wien aufgesucht und vor dem Erfrieren gerettet. Die Caritas hofft auch auf die Hilfe der Bevölkerung. Durch einen Anruf beim "Kältetelefon" unter der Nummer 01 480 45 53 können achtsame Bürger kältegefährdete Obdachlose in Wien melden. 2015 sind bereits 900 Anrufe eingegangen.

 

Der Canisibus fährt täglich zwei unterschiedliche Touren in Wien, um Armutsbetroffenen heiße Suppe und Brot zu bringen. Für viele der täglich bis zu 400 Gäste ist es die einzige warme Mahlzeit. Mit dem Louisebus versorgt die Caritas Obdachlose medizinisch. Rund 15 Ärzte und über 35 ehrenamtliche Mitarbeiter betreuen an fünf Tagen in der Woche an öffentlichen Plätzen in Wien Kranke, die den Weg in eine Ordination oder Ambulanz nicht schaffen.

 

Sieben Mal die Woche suchen Caritas-Streetworker in der Nacht Orte auf, an denen sich Obdachlose aufhalten. Sie verteilen nicht nur Hauben, Schlafsäcke oder Schuhe, sondern bieten häufig "das letzte Netz" und ein "mögliches Ticket zurück in die Mitte der Gesellschaft".