Am Ende des Jahres laufen die Millenniums-Entwicklungsziele aus und werden von den Nachhaltigen Entwicklungszielen abgelöst. Bei der Betrachtung der letzten 15 Jahre: Was sind die Erfolge und Misserfolge?
Amina Mohammed: Die acht UN-Millenniums-Entwicklungsziele repräsentieren den ersten Versuch, menschliche Entwicklung in ein präzises, konzentriertes, einfaches und messbares Set von Zielen und Vorgaben zu übersetzen. Mit einem klaren Fokus auf die Armen haben die Millenniums-Entwicklungsziele das Leben von Millionen Menschen verbessert und in den letzten fünfzehn Jahren bemerkenswerte Fortschritte gemacht: Die extreme Armut wurde um die Hälfte verringert. Für mehr als zwei Milliarden Menschen wurde der Zugang zu besseren Wasserquellen Realität. Unterschiede in der Grundschuleinschreibung zwischen Knaben und Mädchen wurden in allen Entwicklungsregionen beseitigt. Die politische Beteiligung von Frauen hat sich weiter erhöht. Die Entwicklungshilfe erholte sich, das Handelssystem blieb konstant für die Entwicklungsländer und ihre Schuldenlast niedrig. Trotz aller Fortschritte, nicht jeder hat noch davon profitiert. Darüber hinaus wurden Bereiche von entscheidender Bedeutung für die Menschheit und den Planeten nicht vollständig einbezogen: nachhaltiges und integratives Wirtschaftswachstum, menschenwürdige Arbeitsplätze, Verbesserung der Lebensstandards und Jugendarbeitslosigkeit.
Ich frage Sie als afrikanische Frau: In welchen Bereichen hat der Kontinent am meisten Fortschritte gemacht, und wo muss man mehr tun?
Amina Mohammed: Afrika ist nicht länger nur ein Kontinent der Hungersnot und des Konflikts, sondern die zweitschnellst wachsende Wirtschaft in der Welt mit viel Potenzial. Wir haben signifikante Ergebnisse im Kampf gegen HIV/AIDS, Malaria und Tuberkulose, im Kampf gegen Armut und zur Förderung des Zugangs zu Wasser oder Bildung gesehen. Trotz der jüngsten Erfolge steht Afrika noch vielen Herausforderungen gegenüber. Der Kontinent muss in sein größtes Kapital, seine Menschen, investieren. Insbesondere betrifft das seine Frauen und Mädchen sowie die wachsende Zahl von Jugendlichen, um sicherzustellen, dass sie morgen produktive, innovative und engagierte Bürger sein können.
Welche Vision einer nachhaltigen Welt haben Sie?
Amina Mohammed: Eine neue Ära der nachhaltigen Entwicklung mit der Agenda 2030 und ihren 17 nachhaltigen Entwicklungszielen wird uns helfen: das Ende von Armut und Hunger irreversibel in den nächsten 15 Jahren zu erreichen; den Planeten, unser gemeinsames Zuhause, vor Degradierung zu bewahren, seine natürlichen Ressourcen nachhaltig zu verwalten und dringende Maßnahmen gegen den Klimawandel zu ergreifen; Wohlstand aller Menschen zu erlangen, um sicherzustellen, dass alle ein erfolgreiches und erfülltes Leben in Harmonie mit der Natur genießen können; friedliche, gerechte und integrative Gesellschaften zu fördern, die frei von Angst und Gewalt sind.
Wie erreichen wir Wirtschaftswachstum und Entwicklung, die innerhalb der planetaren Grenzen bleiben?
Amina Mohammed: Die Agenda 2030 wird die neuen Herausforderungen von heute durch eine integrierte Vorgehensweise ansprechen, die sozialen, wirtschaftlichen und ökologischen Fortschritt für alle nach vorne bringt. Um unsere Volkswirtschaften zu transformieren, müssen wir jedoch zuerst unser Denken und unsere Werte verändern. Die Agenda ist ein Paradigmenwechsel und fordert von allen Beteiligten wegzugehen vom business as usual, einschließlich, wie wir Umweltbelange integrieren und wirtschaftlichen und sozialen Fortschritt im Gleichgewicht halten. Die nachhaltigen Entwicklungsziele stellen Investitionsmöglichkeiten im Wert von Billionen von Dollars dar, die den Zweck des Aufbaus von Märkten und Beschleunigung des Wirtschaftswachstums haben, während soziale und ökologische Herausforderungen gelöst werden. Diese Investitionen werden Arbeitsplätze schaffen, Menschen aus der Armut herausheben, gemeinsamen Wohlstand fördern und den Klimawandel bekämpfen.
Was kann die Zivilgesellschaft, was können religiöse Gemeinschaften tun, um Nachhaltigkeitsthemen zu fördern?
Amina Mohammed: Dies benötigt ein neues Modell der globalen Partnerschaft zwischen Regierungen, Unternehmen, internationalen Institutionen, Zivilgesellschaft und anderen Interessengruppen, einschließlich der Religionsgemeinschaften. Zivilgesellschaft und Religionsgemeinschaften setzen sich bereits für die Agenda ein, damit menschenzentriert und planetensensitiv mit der nachhaltigen Entwicklung fortgesetzt werden kann. Papst Franziskus ist eine der weltweit am meisten leidenschaftlichen, moralischen Stimmen für die nachhaltige Entwicklung und den Klimaschutz. Die Enzyklika des Papstes bietet die moralische Grundlage für nachhaltige Entwicklung und eine gemeinsame Vision für die Menschen und den Planeten. Franziskus erkennt, dass Klimawandel, Umweltzerstörung, Armut und Ungleichheit ganzheitliche Krisen sind, die nach tiefen Veränderungen in Gesellschaft, Wirtschaft und bei Einzelpersonen rufen.
Ist der Weltklimagipfel in Paris die letzte und beste Möglichkeit, eine Einigung über die Senkung der Kohlenstoffemissionen zu erzielen?
Amina Mohammed: Nachhaltige Entwicklung und Klimawandel sind unentwirrbar verknüpft und nachhaltige Entwicklung kann nicht ohne Klimaschutz erreicht werden. Viele der erforderlichen Maßnahmen zur Verringerung und Anpassung sind in der Tat die gleichen Aktionen, die erforderlich sind, um die transformative Verschiebung zu einer nachhaltigen Entwicklung zu machen. Dazu gehören die Förderung von nachhaltiger Energie und arbeitsplatzreiches kohlenstoffarmes Wachstum. Daher haben sich die politischen Führer der Welt bereits erheblich zu einer Vorgehensweise verpflichtet, die hilft, in der Agenda 2030 die Kurve beim Klimawandel zu kriegen. Ein ehrgeiziges und sinnvolles Klimaabkommen wird in Paris erwartet. Die kollektiven Entscheidungen im Jahr 2015 werden die Welt auf einen Aktionskurs setzen, um die Armut zu beenden, das Leben der Menschen zu verwandeln und den Planeten zu schützen. Wir sind die erste Generation, die Armut beenden kann, und die letzte, die den Klimawandel beeinflussen kann, wenn wir jetzt handeln.
Berücksichtigt die Entwicklungsagenda 2030 die Ursachen von Migration?
Amina Mohammed: Die Integration von Migranten und Flüchtlingen innerhalb der Entwicklungsagenda ist wichtig, um die heutigen Bevölkerungsflüsse bewältigen zu können. Migranten und Flüchtlinge können erforderliche Fähigkeiten in die Wirtschaft einbringen und leisten auch einen Beitrag als Konsumenten. Deshalb umfasst die Agenda 2030 verschiedene wanderungsbedingte Ziele: die Förderung einer sicheren, gut geführten Migration und Mobilität, die Bekämpfung von Menschenhandel, die Einhaltung von Arbeitsnormen der Wanderarbeitnehmer oder die Erleichterung der Übertragung von Geldüberweisungen. Die Agenda 2030 geht auch auf die Ursachen der unfreiwilligen, unregelmäßigen und erzwungenen Migration ein, zum Beispiel mit den Zielen bezüglich Armutsbekämpfung, menschenwürdiger Arbeit und sozialem Schutz und die Notwendigkeit einer friedlichen und integrativen Gesellschaft.
Müssen wir eine globale Migrationslenkung entwickeln? Ist eine UN-Migration-Agentur notwendig?
Amina Mohammed: Migrations- und Flüchtlingsströme sind komplex und facettenreich. Als solches gibt es keine einheitliche UN-Agentur, die verantwortlich für alle Aspekte von Migration ist, sondern eine Reihe von UN-Einrichtungen, die Aspekte dieses Themas in enger Zusammenarbeit mit der Internationalen Organisation für Migration ansprechen. Obwohl die IOM keine UN-Einrichtung ist, arbeitet sie eng mit den Vereinten Nationen sowohl auf politischer als auch auf operativer Ebene zusammen. Es ist jedoch klar, dass aktuelle Ansätze zur Bewältigung von Bevölkerungsbewegungen scheitern. Bei einem hochrangigen Treffen, einberufen von UN-Generalsekretär Ban Ki-moon am 30. September, betonten die Mitgliedstaaten die Notwendigkeit von kurzfristigen humanitären Antworten sowie von langfristigen politischen Lösungen, um mit den heutigen Bevölkerungsflüssen fertig zu werden. Sie haben auch die zentrale Rolle hervorgehoben, welche die UNO bei der Suche nach Lösungen für die aktuelle Krise und bei der Festlegung einer Weltordnungsstruktur spielen sollte. Eine Reihe von Staaten forderte eine Konferenz über Migrations- und Flüchtlingsströme im Stil von Bretton Woods (Anm.: Währungs- und Finanzkonferenz im Juli 1944 zur umfassenden Neuordnung der Weltwirtschaft) einzuberufen. Der UN-Generalsekretär prüft nun eine Reihe von verschiedenen Optionen, wie eine verbesserte Steuerung dieser Ströme vorangebracht werden könnte.