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Der Sonntag
09.12.2015

Barmherzig – was ist das eigentlich?

Auf einmal sieht man die innere Schönheit einer Seele

Barmherzigkeit ist etwas Zentrales in allen großen Weltreligionen.

 

Aber können Sie in einfachen Worten erklären, was Barmherzigkeit genau ist? Ich saß einmal in einer Runde katholischer Journalisten. Da konnte das keiner, ich auch nicht.

 

Wo ist die Grenze zum Mitleid, zur Güte, zur tätigen Liebe? Ist es das Gegenteil von Gerechtigkeit? Sicher nicht.

 

Das Gegenteil von Strenge? Sind denn strenge Eltern unbarmherzig? Oder strenge Ärzte?

 

 


Warum ist Barmherzigkeit gleichzeitig ein so gebräuchlicher und doch so schwer zu fassender Begriff?

 

Vielleicht, weil Barmherzigkeit ein Wesensmerkmal Gottes ist. Sie ist daher eine Grunderfahrung, aber eben doch größer, tiefer als wir Menschen fassen können.

 

Bei der Annäherung an die Barmherzigkeit hilft mir Papst Benedikt, der in seiner Enzyklika „Deus caritas est“ schreibt, wie man aus „einer inneren Begegnung mit Gott heraus“ lernt, den anderen Menschen „nicht mehr bloß mit meinen Augen und Gefühlen anzusehen, sondern aus der Perspektive Jesu Christi heraus. Sein Freund ist mein Freund.

 

Ich sehe durch das Äußere hindurch sein inneres Warten auf einen Gestus der Liebe — auf Zuwendung.“


Manchmal gelingt mir so ein Blick als Vater, als Ehemann, als Vorgesetzter, manchmal sogar als Passant.

 

Auf einmal sieht man die seelischen Wunden des anderen, seine Sehnsüchte, die Hoffnung auf Angenommensein, die innere Schönheit seiner Seele – und nicht mehr nur das Äußere: Charme, Talente, Stimmungen, Mühsamkeiten, Unfreundlichkeit, Lästigkeit.

 

Und in solchen Momenten des Erkennens kommt die Barmherzigkeit ganz von allein, ohne Anstrengung. Und sie ist immer gerecht.


Diese Momente sind stark. Warum aber sind sie so selten in meinem Leben?    

 

 

Jahr der Barmherzigkeit

 

Jahr der Barmherzigkeit in der Erzdiözese Wien