Das Zusammenleben von Angehörigen des Judentums, Christentums und des Islams ist "der Bewährungsraum des Glaubens und des interreligiösen Dialogs". Wie die Wiener Theologin Regina Polak in ihrer Antrittsvorlesung an der Universität Wien betonte, ist das bewusst gestaltete Zusammenleben "ein Raum ständiger Grenzüberschreitungen und Horizonterweiterungen - hin zu den Anderen, hin zu Gott". Ein so verstandener interreligiöser Dialog habe in einer Zeit aktueller globaler Krisen wie Terror, Krieg und dadurch ausgelöste Fluchtbewegungen, Klimawandel und "Wirtschaftsimperialismus" auch große globalpolitische und soziale Bedeutung, so Polak am Mittwochabend, 9. Dezember 2015 im Großen Festsaal der Uni Wien.
Die seit zwei Jahren als Assoziierte Professorin für Praktische Theologie und Religionsforschung am Institut für Praktische Theologie der Katholisch-Theologischen Fakultät lehrende Polak betrachtet den Religionsdialog als Symbol für Frieden und Versöhnung und als "vielleicht letzte Chance der Umkehr zu Gott". Aus theologischer Sicht hätten Jüdinnen, Christinnen und Muslimas als religionstheologisch verwandte Gläubige eine spezifische Berufung - "Frauen kommt dabei eine besondere Rolle zu". Im Horizont der globalen Herausforderungen werde das Zusammenleben von Jüdinnen, Christinnen und Muslimas in Europa zum "Testfall", ob es möglich ist, in Verschiedenheit gerecht und friedlich zusammenzuleben.
Regina Polak nannte konkrete exemplarische Aufgaben für dieses Zusammenleben in Österreich: Zunächst gelte es zu pflegen, fördern und weiterzuentwickeln, was es bereits an gelungenen Initiativen gibt. Dass etwa der Koordinierungsausschuss für christlich-jüdische Zusammenarbeit oder die Katholische Aktion sowie die Plattform Christen und Muslime seit vielen Jahren Brücken bauen, solle Anlass für Vernetzung, Reflexion sowie das Fruchtbarmachen der Fülle dieser Erfahrungen und Kompetenzen für das Zusammenleben aller sein, regte die Theologin an. Zudem müsse der "trilaterale Dialog", den es im Unterschied zu Deutschland hierzulande noch kaum gebe, etabliert werden.
Regina Polak sprach sich auch für "Anwaltschaft" in dem Sinne aus, dass auch Angehörige der jeweils anderen Religion klare Worte gegen Antisemitismus und Islamophobie finden, oder dass sich die Kirchen klar von allen Vereinnahmungsversuchen rechtspopulistischer Politiker abgrenzen. Die Theologin zitierte ihren Innsbrucker Kollegen Roman Siebenrock, der jeden katholischen Bischof dafür mitverantwortlich machte, "dass es Jüdinnen und Muslimas in Österreich gut geht".
Weiters: Nachbarschaft, Gastfreundschaft und Freundschaft seien "Grundpfeiler des interreligiösen Dialogs", ebenso bedürfe es der Versöhnung als Anerkennung von Wahrheit und Schuld, als "selbstkritische Erinnerung" und Bereitschaft zur Reue und Wiedergutmachung. Auch Strittiges soll bei einem lebendigen Dialog nicht ausgespart bleiben, unterstrich die Wiener Theologin. Dabei könne es um das Existenzrecht Israels gehen, um die Vertreibung und Ermordung der Christen im Nahen Osten, oder um die soziokulturelle und strukturelle Benachteiligung der Muslimas. Polak wörtlich: "Ohne Konflikte kein Zusammenleben. Aber ohne Zusammenleben auch kein interreligiöser Dialog über so heikle und heiße Themen wie islamische Kindergärten."
Interreligiöser Dialog reicht nach den Worten Polaks weit über den Austausch von Fachleuten und Religionsvertretern, also über die rein kognitive Ebene, hinaus. Unverzichtbar seien auch der "Dialog des Alltags", der Dialog des Handelns im Sinne eines gemeinsamen Einsatzes für Frieden, Freiheit, Gerechtigkeit, Umwelt usw. Schließlich gelte es auch die spirituelle Erfahrung und Praxis zu beachten, bei der man sich auf die Mystik des Anderen einlässt. "Ich verstehe interreligiösen Dialog als Lebensform, die sich durch Respekt und Interesse ebenso auszeichnet wie durch die Anerkennung des Anderen in seiner Verschiedenheit", sagte Polak.