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19.12.2015
Interview im Kärntner "Sonntag"

Bibelwissenschaftler Braulik: "Fremdenliebe ist Nachahmung Gottes"

Alttestamentler Georg Braulik im "Kärntner Sonntag": Altes Testament liefert Impulse für das Engagement im Bereich Asyl.

Das Alte Testament der Bibel liefert in der vorweihnachtlichen Zeit im Blick auf die Herbergssuche Impulse für das Engagement bei der Versorgung und Unterbringung von Flüchtlingen: "Im Deuteronomium heißt es, 'Gott liebt die Fremden und gibt ihnen Nahrung und Kleidung - auch ihr sollt die Fremden lieben'", zitierte der renommierte Wiener Alttestamentler Georg Braulik aus dem 5. Buch Moses in der aktuellen Ausgabe des "Kärntner Sonntag", von 18. Dezember 2015. Fremdenliebe sei in dem Abschnitt also als "Nachahmung Gottes" dargestellt, so Braulik.

Der Text aus dem 10. Kapitel des Buches ist aber nicht die einzige Stelle, die sich auf den Umgang mit "den Fremden" bezieht. Braulik verwies auf das Kapitel 23: "Wenn ein fremder Sklave aus welchen Gründen auch immer seinem Herrn entflieht, dann muss er in Israel aufgenommen werden". Dabei komme ihm das Privileg zu, sich einen Wohnort aussuchen zu können.  "Das alles ist einmalig im Alten Orient. Der Fremde und Flüchtling soll in Israel, im Volk Gottes, als gleichberechtigter Bruder behandelt werden."

 

„Fremder hat seinen Platz in sozialen Randgruppen“

Grundsätzlich habe "der Fremde" auch im Alten Orient mit den Witwen und Waisen seinen Platz in den sozialen Randgruppen. Der Alttestamentler erklärte dies mit dem Fehlen von Bodenbesitz, "womit ihnen in einer agrarischen Gesellschaft auch die Existenzgrundlage fehlt". Vorschriften, wie jene aus dem Buch Deuteronomium, holten "die Fremden" aus dieser Position am Rand der Gesellschaft in deren Mitte zurück. Mit Almosen habe das aber wenig zu tun. "Es geht hier um Rechtsvorschriften, also um ein Recht, das jenen am Rande der Gesellschaft zukommt."

Beispiel dafür sei etwa die Regelung, "dass der Zehnte, der normalerweise an den Tempel abgeliefert wurde, in jedem dritten Jahr im Wohnort verbleibt und der Ernährung der Fremden, Witwen und Waisen dient", so der Benediktinerpater. Durch diese und andere Maßnahmen konstruiere das Buch Deuteronomium schließlich eine Gesellschaft ohne Arme. "Nicht zuletzt haben Fremde, Witwen und Waisen teil an den Höhepunkten des Lebens, den gemeinsamen Festen im Jerusalemer Heiligtum. Und erst in ihrer Gemeinschaft kommt es zur Freude Gottes."

Ziel der Gebote sei in der Bibel immer das Fortbestehen der Gemeinde. Braulik: "Sie sind als dankbare Antwort auf die Rettung aus der Sklaverei zu verstehen und sind die Voraussetzung, um die gewonnene Freiheit auf allen Gebieten des Lebens bewahren zu können."