Eine Aufbruchsstimmung im Geist des Zweiten Vatikanums ortet der Konzilszeuge und emeritierte Wiener Weihbischof Helmut Krätzl unter Papst Franziskus. Er bewundere dessen "Mut, dass er sich auch gegen viele Widerstände aufmacht, die Kirche in neue Bahnen zu bringen".
Manche Reformansätze des Konzils wie die verstärkte Mitverantwortung der Bischofskonferenzen und Ortskirchen seien seit dessen Ende vor 50 Jahren nicht umgesetzt worden, bedauerte Weihbischof Krätzl. Franziskus wolle als einer, der "von den Grenzen der Welt" kommt, den römischen Zentralismus aufbrechen und eine "Kirche der Armen" forcieren, die er ja auch selbst vorlebe. Papst Franziskus habe noch viel vor, "und wir hoffen, dass er es erreichen kann", sagte Helmut Krätzl am Sonntag, 20. Dezember 2015, in der Reihe "Nahaufnahme" im ORF-Radio Niederösterreich.
Freilich seien auch dem Papst "Grenzen gesetzt". Nicht umsonst laute der Titel eines Buches des Vatikan-Kenners Marco Politi "Franziskus unter Wölfen", so Helmut Krätzl. Anders als Franz von Assisi, der der Legende nach Wölfe zähmte, sei dies dem Papst in Rom noch nicht gelungen. Dies hätten auch die Auseinandersetzungen bei der Bischofssynode gezeigt, deren Ergebnisse nun sowohl von "Progressiven" als auch von "Konservativen" als Erfolg eingestuft würden. Weihbischof Krätzl selbst meinte, die Türen in Richtung Reformen seien zu weit geöffnet, um wieder geschlossen zu werden, und bei heiklen Fragen wie jener des Umgangs mit wiederverheirateten Geschiedenen hätten immer mindestens zwei Drittel der Synodenteilnehmer einen "modernen, offenen Standpunkt" eingenommen.
Jedenfalls sei auch bei der Synode die Dezentralisierung vorangetrieben worden, betonte der kürzlich mit dem Kardinal-König-Preis ausgezeichnete Bischof. Mehr Vollmachten für die Ortskirchen mache auch gerade bei einem Thema wie Ehe und Familie Sinn: Die Formen des familiären Zusammenlebens in den Kulturkreisen der Welt seien sehr unterschiedlich; jeder Versuch, diese über einen Kamm zu scheren, gehe damit zwangsläufig an der Lebenswirklichkeit sehr vieler Menschen vorbei, sagte Weihbischof Krätzl.
Papst Franziskus ähnle in vielem - etwa "in seiner menschlichen Art" - dem Konzilspapst Johannes XXIII., den Krätzl etwa bei Privataudienzen mit Kardinal König persönlich kennenlernte. Eine Parallele zwischen der Konzilszeit und der Gegenwart sieht der Weihbischof auch in den Widerständen gegen einen Reformkurs. Dabei ist Helmut Krätzl überzeugt: "Ohne die Reformen des Konzils stünde die Kirche "fast hilflos einer pluralen Gesellschaft gegenüber."
Die Öffnung der katholischen Kirche nach den "geschlossenen" katholischen Milieus der Nachkriegsjahre sei durch den mit der 1968er-Bewegung etablierten Pluralismus notwendig geworden. Johannes XXIII. habe diese Entwicklung vorausgespürt und die Türen der Kirche öffnen wollen - zu den anderen Kirchen und Religionsgemeinschaften und "vor allem auch zur Welt insgesamt". Manchen sei der "Lärm der Straße" allzu stark in die Kirche eingedrungen, "aber das stimmt sicher nicht", wie Helmut Krätzl meinte. "Bis heute versucht die Kurie die Erneuerung der Kirche zu bremsen, nicht zuletzt aus Angst vor einem Machtverlust, was wir beim jetzigen Papst gerade wieder erleben."
Zum Terror und den Flüchtlingsströmen der Gegenwart plädierte Weihbischof Krätzl dafür, "dass die Christen einen Unterschied machen zwischen den Terroristen im Islam und dem Islam als Ganzes. Man müsste differenziert sehen, woher diese Wurzeln kommen, die ja meist nicht religiös, sondern politisch motiviert sind".