Heimat. Es gibt unzählige Versuche, dieses einfache und urtümliche Wort zu beschreiben und zu erklären.
Die römische Redewendung Ubi bene, ibi patria drückt es sehr deutlich aus: Wo es dir gut geht, dort ist Heimat.
Hermann Hesse nimmt in seinem Buch Wanderung einen ähnlichen Bezug: Heimat ist nicht da oder dort, Heimat ist in dir drinnen, oder nirgends.
Alle Menschen haben das große Bedürfnis, an einem Ort auf der Welt Zuhause zu sein. Das Wort mag in den verschiedenen Sprachen und Kulturen anders gefärbt sein, aber allen ist eins: der Ort und das Wohlgefühl.
Ist das Bedürfnis nach Heimat, nach einem Zuhause gleich dem Bedürfnis nach Glück und Zufriedenheit?
Sie leben davon und finden noch Jahre später Glück darin. In unseren Erinnerungen gibt es Details, Kleinigkeiten, Gesichter und Stimmen, die nie aus unserem Gedächtnis verschwinden, sie verdeutlichen dieses Sehnen nach Heimat, nach Zuhause.
Ich erinnere mich sehr deutlich an dieses Gefühl von Freisein in meiner Kindheit, beim gemeinsamen Spielen und Toben mit Nachbarskindern, ohne ein Gefühl von zeitlicher oder räumlicher Begrenzung… und dann dieses Gefühl nach Hause zu kommen.
Kurz nachdem ich nach Österreich gekommen war, Anfang der 90er Jahre, traf ich eine ältere Dame: Helga. Wir verstanden uns auf Anhieb, und es entstand eine Freundschaft. Ich denke oft und gerne an sie. Bei unserem Kennenlernen fragte sie mich: Von wo kommst du? Warum hast du deine Heimat verlassen?
Ich erzählte ihr meine Geschichte und sie mir die ihre. Auch sie hatte ihr Zuhause verlassen. Ende des Zweiten Weltkrieges war sie als junge Frau gezwungen, ihre Heimat Oberösterreich zu verlassen.
Alles war zerstört worden. Sie wurde ins nördliche Weinviertel geschickt. Ihr Mann war zur Landesverteidigung eingezogen worden, sie hat niemals mehr von ihm gehört. Sie war jung, kinderlos und alleine.
Als sie mir davon erzählte, konnte ich ihren immerwährenden Schmerz fühlen. Mit ihren Nachbarn hatte sie die Häuser aufgebaut, die Ziegel von zerstörten Häusern geschleppt und geputzt, sehr hart gearbeitet, kaum etwas zu essen. Helga und ihre Nachbarn gaben ihre ganze Kraft, um ihre Heimat wieder aufzubauen.
Ich habe Helga oft getroffen. Kurz vor ihrem Tod sagte sie mir, was auch ich spürte, dass sie immer das Gefühl gehabt habe, dass wir uns nah waren. Ich war auf ihrem Begräbnis und sagte meiner lieben Freundin Lebewohl.
Vor einigen Wochen sah ich auf einer arabischen Internetseite das Bild eines Mannes und seiner Tochter, die Geige spielt. Unterhalb stand kurz: Samir und seine einzige Tochter Mary sind heim gegangen. Sie sind nahe der griechischen Küste bei ihrer Flucht ertrunken. Die Frau und Mutter hat überlebt.
Ich hatte einen Schock, ich kannte Samir und seine Familie, wir waren gemeinsam zur Schule gegangen und gemeinsam groß geworden.
Die Familie stammte aus Hassake. Sie wurden von einfallenden islamistischen Gruppen gewaltsam vertrieben. Sie flüchteten in die Türkei und lebten dort einige Jahre von ihren Ersparnissen. Als ihre Reserven zur Neige gingen, entschieden sie sich zur Flucht nach Europa.
Es war die Hoffnung auf eine neue und sichere Heimat, auf eine bessere Zukunft, die sie in ein Schlauchboot steigen und die gefährliche Überfahr wagen ließ. Er war Ingenieur geworden, hatte geheiratet, hatte eine begabte Tochter, er hatte im Wohlstand gelebt.
Er hatte Träume und Pläne für die Zukunft und vor allem für seine zwölfjährige Tochter gehabt, gerne hatte er von ihr erzählt.
Doch dann kam der Krieg, und alles änderte sich. In meinem Kopf rollte diese ganze Geschichte wie im Traum ab. Zuerst war ich voller Trauer, doch dann kam die Wut.
Ich lief im Zimmer auf und ab und konnte es nicht fassen. Mit dieser großen Hoffnung auf ein friedliches Leben hatten sie sich aufgemacht und im kalten Wasser in der Dunkelheit alles auf grausame Weise verloren. Und doch war er im Tod heim gegangen. Mögen er und seine Tochter in Frieden ruhen! Ich sprach ein Gebet für ihn und seine liebe Tochter.
Ich erinnere mich an meine armenische Großmutter. Immer noch sehe ich ihr Gesicht, ein Gesicht, das lebenslang von Trauer und Sehnsucht gezeichnet war. Nur wir Kinder brachten ihr ein Lächeln ins Gesicht. Ich erinnere mich gut, wie sie in ihrer Ecke saß, aus der sie ihre Kraft zu ziehen schien und sich geschützt fühlte, gleichzeitig ihre ewige geistige Abwesenheit in Träumen.
Als Kind hatte ich mir immer gewünscht ihre Gedanken zu teilen. Sie sprach gerne von Heimat. Meine Großmutter war in Syrien in der Diaspora.
Sie war als junge Frau aus der Türkei vertrieben worden. Von ihren schrecklichen Erlebnissen hat sie nie gesprochen. Sie sprach immerfort von ihrer Heimat: Es gab bei ihr kein schöneres Haus als ihr Haus, wo sie geboren worden war und gelebt hatte. Es gab kein schmackhafteres Essen, als das Essen aus ihrer damaligen Küche, sogar die Luft war dort anders, besser, und vielmehr noch: Die Sonne war wärmer.
Meine Großmutter ist lange gestorben, sie wurde dort in Syrien in der Diaspora begraben.
Ihre letzten vertrauensvollen Worte an uns Kinder war: „Vergesst nicht, meine Kinder, unsere Heimat ist nicht hier auf der Erde, seien wir froh, dass wir eine Heimat haben ohne Leid und Schmerz, das ist im Himmel.“
Meine Gedanken gingen mit mir fort. In diesen Tagen der Adventszeit warten wir alle auf die Ankunft unseres Heilands.
Vor gut 2000 Jahren waren seine irdischen Eltern auf Herbergssuche, sie hatten kein Zuhause. Maria gebar Jesus in einem Stall, sie wickelte ihn in ein Tuch und legte ihn in eine Krippe. Was dachte sie sich, welches Zuhause, welche Heimat sie ihm geben konnte?
Doch Jesus kam, um uns eine Heimat zu geben. Er lebte 33 Jahre mit uns, wurde gekreuzigt, starb und besiegt den Tod, fuhr auf in das Reich Gottes.
Wir dürfen darauf vertrauen: Jesus Christus ist von Gott zu uns gesandt, um uns die Hoffnung auf eine wunderbare und ewige Heimat zu schenken.
Das ist die Frohe Botschaft unseres christlichen Glaubens, die Hoffnung auf ein ewiges Leben an der Seite unseres Vaters, der uns liebt und auf uns achtet.
Als ich am Schreibtisch saß und weiterarbeiten wollte, überkam mich eine große Erleichterung und Dankbarkeit.
Es kam mir die Gewissheit: Hab keine Sorge, ob du im Mittelmeer oder in der Diaspora oder an sonst einem dunklen Ort sterben musst, wir sterben im Vertrauen auf ein neues Leben, Gott ist gut.
Meine Freundin Helga, Samir und seine Tochter, und meine Großmutter sind in der wahren Heimat angekommen.