Montag 11. Mai 2026

Schnellsuche auf der Website

Der Sonntag
23.12.2015

„Figls Zuversicht war ansteckend“

Leopold Figls Weihnachtsrede von 1945 ist legendär und genau genommen eine Fälschung.

Ich kann Euch zu Weihnachten nichts geben. Ich kann Euch für den Christbaum, wenn Ihr überhaupt einen habt, keine Kerzen geben. Kein Stück Brot, keine Kohle zum Heizen, kein Glas zum Einschneiden. Wir haben nichts.

 

Ich kann Euch nur bitten: Glaubt an dieses Österreich!“ Leopold Figls berühmte Weihnachtsrede von 1945 gehört wohl zu den berührendsten und meist zitierten Ansprachen der Zweiten Republik.

 

Tatsächlich wurde die Rede erst 20 Jahre später aufgenommen, da es vom Original keinen archivierten Tonträger gab.


1965 hatte Hans Magenschab als Generalsekretär der Katholischen Verbände die Idee, auf dem Stephansplatz eine multimediale Feier zu inszenieren in Erinnerung an das Kriegsende und an die Unterzeichnung des Staatsvertrages.

 

Dabei sollte u. a. Figls Weihnachtsrede aus dem Lautsprecher zu hören sein. Ein Tondokument war allerdings unauffindbar.

Viele brachen in Tränen aus

„Figls Rede wurde zu Weihnachten 1945 unter Überwachung durch die Alliierten direkt aus dem Bundeskanzleramt gesendet. Das Tonband ging verloren.

 

Das Funkhaus der RAWAG war zu der Zeit ein Bombentrichter“, schildert Journalist und Autor Hans Magenschab die äußeren Umstände der Weihnachtsrede im Gespräch mit dem SONNTAG.

 

20 Jahre später war es Magenschab, der die Ansprache auf Basis von Reden Leopold Figls und aus Zeitungsartikeln „fast literarisch“ rekonstruierte.

 

Der spätere ORF-Intendant Ernst Wolfgang Marboe, ein Großneffe Figls, bewegte seinen zu diesem Zeitpunkt bereits kranken Onkel die Rede im Tonstudio nachzusprechen.

 

Im April 1965 war Figls neu aufgenommene Weihnachtsrede in Erinnerung an das Kriegsende auf dem Stephansplatz zu hören. „Viele Menschen brachen in Tränen aus“, erinnert sich Magenschab an  den kalten Apriltag. Wenige Wochen darauf starb Leopold Figl.


„Er versprach nichts und sprach doch den Menschen aus der Seele“, beschreibt Helmut Wohnout im Buch „Leopold Figl und das Jahr 1945“ (Residenz) das Charisma Figls als Redner.

 

„Es war die Botschaft eines Bundeskanzlers, der mit leeren Händen kam... Aber wenn er darum ersuchte, die Hoffnung nicht aufzugeben, strahlte er eine Zuversicht aus, die ansteckte.“