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23.12.2015

In Nordostindien kann ein Jugendlicher ein Dorf verändern

Die Dreikönigsaktion der Katholischen Jungschar unterstützt Kinder und Jugendliche

Es ist heiß, aus Lautsprechern dröhnt Musik und bunte Banner wehen im Wind. Hunderte Kinder und Jugendliche der indigenen Volksgruppe der Misings haben sich zu einem Regionaltreffen versammelt. Sie tragen traditionelle Gewänder und führen Tänze und Theaterstücke auf.


Hinter der Bühne im Mising-Dorf Selek auf der Flussinsel Majuli warten die Jugendlichen auf ihren Auftritt. Sie sind zwischen 13 und 18 Jahre alt und in den nächsten Minuten gehört ihnen die kleine Veranda der Dorfschule.

 

 

Sie ist heute die Bühne der jungen Misings, die ein selbstgeschriebenes Theaterstück aufführen. Es handelt von ihrem Dorf und dessen Probleme. Auf der Bühne wird diskutiert, gestritten und am Schluss wieder versöhnt. Das Dorf hat eine Lösung gefunden. Das junge Publikum klatscht, lacht und kommentiert.

 

Hoffnung und Selbstvertrauen

Die Theaterstücke der Kinder und Jugendlichen sind Teil des Entwicklungsprogramms I-Card.

 

Der Salesianerpater Thomas ist der Gründer des „Institute for Culture and Rural Development” (I-Card).

 

Seit 14 Jahren bietet es Trainings und Kurse für junge SchulabbrecherInnen an: „SchulabbrecherInnen fühlen sich nutzlos und haben keine Hoffnung.“ Die Jugendliche sehen keine Zukunftschancen in ihren abgelegenen Dörfern, viele brechen ihre Schullaufbahn ab und finden keine Arbeit.


Die Probleme der Mising-Dörfer sind groß: Es gibt keine Straßen, kaum funktionierende Schulen und die Menschen leben sozial abgeschieden. Hoffnung und Selbstvertrauen ist daher notwendig, sagt Pater Thomas.

 

Tradition versus Moderne

Die indigene Gruppe der Misings lebt in Assam an den Ufern des Flusses Brahmaputra und auf der Flussinsel Majuli. In ihren Dörfern bewirtschaften sie Reis- und Gemüsefelder, wohnen in Bambushäusern und leben vom Fischen und der Schweinezucht.


„Diese Dorfstruktur könnte idyllisch sein, wenn sich die Welt außerhalb der Dörfer nicht so schnell wandeln würde“, sagt Eva Wallensteiner, Projektkoordinatorin der Dreikönigsaktion der Katholischen Jungschar, die I-Card unterstützt.

 

Aber Globalisierung und Modernisierungsdruck machen vor den Dörfern der Misings nicht halt. Ausbildungsprogramme – wie I-Card – können für Jugendliche eine Chance aus der Hoffnungslosigkeit sein.


Das Ausbildungsprogramm dauert ein Jahr. Für jeden Lehrgang werden 20 SchulabbrecherInnen aus 20 Dörfern ausgewählt. Nach dem Ausbildungsjahr wirken sie als Wissens-MultiplikatorInnen in ihren Dörfern.


Der 19-jährige Tomkin ist ehemaliger Schulabbrecher und derzeit in Dörfern unterwegs. Er blickt zuversichtlich in seine Zukunft: „Daheim will ich mit Freunden eine Schweinezucht aufbauen, denn jetzt weiß ich die Techniken und wie ich das Fleisch verkaufen kann.“


Jugendliche wie Tomkin initiieren in den Dörfern Selbsthilfegruppen, gehen von Haus zu Haus und motivieren andere Jugendliche, die Schule abzuschließen. Schon das genüge oft, denn für Veränderung braucht es keine großen Umwälzungen, sagt Pater Thomas. „Bereits ein Jugendlicher kann ein Dorf verändern!“

 

Teepflücken statt Schule

Rund fünf Autofahrstunden von Majuli und dem Jugendtreffen entfernt liegen die grünen Teegärten Assams. Der Tee mit auffällig roter Färbung muss händisch gepflückt werden. Die meist weiblichen Pflückerinnen sammeln die hellgrünen Teeknospen ein. Sie tragen dazu geflochtene Körbe auf ihrem Rücken, die bis zu 20 Kilogramm schwer werden können.


Kusum ist eine der Teepflückerinnen. Das Mädchen im roten Sari ist zwölf Jahre alt und hilft ihrer Mutter bei der Teeernte. Für die Schulausbildung von Kusum bleibt keine Zeit mehr, sie muss wie die Erwachsenen arbeiten. Angeblich hilft Konsum nur für ihre Schwägerin aus, „die ausgefallen ist“, wie die Mutter erklärt.


Für den Jesuitenpater Ravi Sagar ist das eine Ausrede: „Offiziell gibt es keine Kinderarbeit, denn das Gesetz verbietet sie. Die Realität sieht anders aus.“ Die Familien brauchen die jungen HelferInnen als Zusatzeinkommen, die Plantagenbesitzer billige Arbeitskräfte und die KonsumentInnen wollen billigen Tee.

 

Gegen diesen Kreislauf der Ausbeutung arbeitet der Jesuitenpater Ravi Sagar. Er bildet mit der von ihm gegründeten Organisation LCHR (Legal Cell for Human Rights) seit elf Jahren Rechtsberater aus, die ehrenamtlich ArbeiteInnen in ihren Forderungen unterstützen.

Rechtsberater für Teepflückerinnen

In Zusammenarbeit mit der DKA informieren die rund 500 Rechtsberater die ArbeiterInnen über deren Rechte. Mit diesem Wissen können sie sich gegen schlechte Arbeitsbedingungen und Ausbeutung wehren.

 

Durch die Verbesserung der Lebensumstände werde auch die Kinderarbeit weniger, sagt Ravi Sagar.  „Aber es gibt sie noch immer – auch wenn das offiziell nicht aufscheint.“ Die Teeplantagen-Besitzer, Behörden und teilweise auch die Gewerkschaft würden einer endgültigen Aufarbeitung der Kinderarbeit entgegenstehen.

 

„Die Rechtsberater sind dabei Katalysator zwischen Arbeitern und Behörden“, erklärt Pater Ravi Sagar.

Die Reisfrage

Egal ob bei den Misings oder TeepflückerInnen, die Projekte wollen den Menschen Hoffnung und Wissen geben. Motivation dafür erhält der  Salesianerpater Thomas aus seinem Vertrauen. „Gott will, dass wir ein gutes Leben haben“, ist er sich sicher. Der Priester glaubt nicht, dass Gott Armut akzeptiert.


Er sieht seine Mission darin, die Misings zu verändern, ohne Missionierungs-Druck. Als Christ komme für ihn zuerst die Reis-Frage – also die Nahrung – und dann die Gottesfrage: „Denn was ist, wenn du in die Kirche gehst und hungrig bist?“