Die Neujahrsansprache 2016 von Papst Franziskus an das Diplomatische Corps hatte einen ungewöhnlich klaren Fokus auf ein Thema, haben Österreichs Vatikanbotschafter Alfons Kloss und die Vatikanexpertin und Journalistin Gudrun Sailer am Dienstag, 12. Jänner 2016 analysiert.
Während die Päpste zu diesem Anlass sonst einen ausgewogenen Rundgang durch die Weltpolitik unternehmen, habe Franziskus seine Rede an die Diplomaten diesmal fast zur Hälfte der Migration in Europa gewidmet. "Im Kern hat Papst Franziskus dabei das berühmte Diktum der deutschen Kanzlerin Angela Merkel wiederholt: Wir schaffen das", so Gudruns Sailer in Radio Vatikan.
Botschafter Alfons Kloss sagte dazu in dem Sender, dies sei für ihn nicht überraschend gewesen. Denn "für jemanden, der in Europa lebt, wie Franziskus, ist es eine ganz große und sehr aktuelle Herausforderung". Dabei habe er in der am Montag vorgetragenen Botschaft an die Diplomaten "gerade auch die verschiedenen Aspekte ausgewogen" dargestellt.
"Franziskus ist eingegangen auf die Dramatik der Krisen, die der Ursprung letztlich dieser Flüchtlingsbewegung sind, und zugleich hat er deutlich gemacht, dass das für die aufnehmenden Gesellschaften eine Herausforderung ist", so Kloss: "Da gibt es auch Punkte, die zu berücksichtigen sind und in der Gesamtsituation eine Rolle spielen. Ich habe das Gefühl, er hat ein wenig Druck herausgenommen aus einer Überforderung, weil er die beiden Aspekte dargestellt hat."
Der Wiener Diplomat sprach damit an, dass Franziskus auch auf die Ängste der Menschen in Nordeuropa eingegangen war. Wörtlich hatte der Papst gesagt, dass "nicht wenige Fragen nach den realen Möglichkeiten des Empfangs und der Anpassung der Menschen, nach der Veränderung des kulturellen und sozialen Gefüges der Aufnahmeländer wie auch nach einer Umgestaltung einiger regionaler geopolitischer Gleichgewichte" aufgetaucht seien. Weiter räumte Franziskus ein: "Ebenso relevant sind die Befürchtungen um die Sicherheit, die durch die überhand nehmende Bedrohung durch den internationalen Terrorismus über alle Maßen verschärft werden."
Botschafter Kloss erinnerte, dass Franziskus insgesamt auf das Motto des Heiligen Jahres - Barmherzigkeit - Bezug genommen habe: "Die Menschen sind aufgerufen, auf den Mitmenschen, auf die Probleme in der Gesellschaft in diesem Sinn zuzugehen, aber es gibt natürlich Punkte, die ein gesellschaftlicher Zusammenhalt berücksichtigen muss - Ordnung -, und so hat Franziskus ausdrücklich auf die Gesetze und die Kultur der Aufnahmestaaten hingewiesen."
Franziskus hatte an die Europäer appelliert, bei der Aufnahme von Migranten nicht nachzulassen. Sorgen um das kulturelle und soziale Gefüge und die innere Sicherheit dürften nicht zu Abschottung führen. Die Ideale des Humanismus wie die Achtung vor der Menschenwürde und Solidarität könnten bisweilen eine schwere Bürde sein. Europa müsse jedoch, "unterstützt durch sein großes kulturelles und religiöses Erbe", Schutzsuchenden weiterhin Zuflucht gewähren. Antworten auf den "schweren Migrations-Notstand" könnten die Staaten nur gemeinsam entwickeln, so der Papst. Bisher fehle dazu eine mittel- und langfristige Strategie.
Abschließend hatte Franziskus betont: "Ich möchte daher meine Überzeugung bekräftigen, dass Europa, unterstützt durch sein großes kulturelles und religiöses Erbe, die Mittel besitzt, um die Zentralität der Person zu verteidigen und um das rechte Gleichgewicht zu finden in seiner zweifachen moralischen Pflicht, einerseits die Rechte der eigenen Bürger zu schützen und andererseits die Betreuung und die Aufnahme der Migranten zu garantieren. Zugleich empfinde ich die Notwendigkeit, Dankbarkeit auszudrücken für all die Initiativen, die ergriffen wurden, um eine würdige Aufnahme der Menschen zu fördern, darunter z. B. der Migranten- und Flüchtlingsfonds der Entwicklungsbank des Europarates. Ebenso danke ich für das Engagement jener Länder, die eine großherzige Haltung des Miteinander-Teilens gezeigt haben."