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13.01.2016

Dechant Simon: Erinnerung an die jüdischen Wurzeln

Zum "Tag des Judentums" am 17. Jänner: Dechant Ferenc Simon, Beauftragter für christlich-jüdische Zusammenarbeit in der Erzdiözese Wien.

Am 17. Jänner begehen die christlichen Kirchen in Österreich seit dem Jahr 2000 den „Tag des Judentums“ zum „bußfertigen Gedenken an die jahrhundertelange Geschichte der Vorurteile und Feindseligkeiten zwischen Christen und Juden und zur Entwicklung und Vertiefung des religiösen christlichen-jüdischen Gesprächs“. Was bedeutet Ihnen dieser Tag?

 

Ferenc Simon: Für mich ist dieser Tag gleichsam ein Pflicht-Termin. Ein solcher sollte er auch für jeden Katholik, jede Katholikin sein. Wir wissen, dass das Judentum auch ohne uns seine „Religion“ ausüben kann, aber wir Christen können nicht ohne das Judentum existieren. Damit wir uns immer wieder an unsere jüdischen Wurzeln erinnern, ist es wichtig, dass wir jedes Jahr vor Gott hintreten und für das, was wir Jahrhunderte und Jahrtausende lang begangen haben, Gott um Verzeihung bitten. Das sollte durchaus in ökumenischer Verbundenheit geschehen. Das kann auch ein sehr guter Grund sein, um die Ökumene voranzutreiben, wenn wir uns gemeinsam an unsere Wurzeln erinnern.

 

Was könnte und sollte Ihrer Ansicht nach getan werden, um das gegenseitige Verständnis zwischen Juden und Christen zu vertiefen?

 

Ferenc Simon: Wir haben eine sehr gute theologische Basis. Das Judentum ist für uns Christen keine fremde Religion, sondern, wie Papst Franziskus sagt, die Wurzel unserer christlichen Identität. Man kann nicht den Gott Israels verehren und das Volk Israel verachten. Sehr konkret könnten wir eine hörende Theologie ausüben, wenn wir diese Praxis einüben. Nicht nur die Priester, sondern alle Katholiken. Wir haben eine fertige Theologie in unserem Kopf und da hören wir nicht immer, was der andere sagt und vor allem, was sozusagen unsere älteren Brüder des Judentums uns sagen. Sogar ein Staunen über das Sakraments des Anders-Seins des Judentums ist notwendig. Ganz konkret: Wir dürfen den anderen nicht vereinnahmen. Das war immer eine große Gefahr von uns Katholiken, dass das Judentum vereinnahmt wurde. Das sollten wir vermeiden. Wichtig ist es auch, die theologischen Differenzen ernst zu nehmen und ins Gespräch zu bringen. Das Judentum hat eine sehr gute Streitkultur, diese haben wir verlernt, diese könnten wir jedoch vom Judentum sehr gut lernen. Denn über Strittiges muss gestritten werden. Und: Es darf keine Judenmission mehr geben. Ganz konkret wäre es auch, die rabbinische Auslegung der Bibel kennenzulernen. Das ist eine Abenteuer-Reise für uns Christen, diese andere Interpretation der Bibel wahrzunehmen, die natürlich auch ihre Legitimation hat. Für die Theologen wiederum ist es eine große Herausforderung, eine katholische Dogmatik zu entwickeln, die konsequent einer jüdischen Perspektive folgt.

 

Welche Erwartungen, welche Hoffnungen setzen Sie für die Zukunft in die christlich-jüdischen Beziehungen?

 

Ferenc Simon: Ein Grundproblem haben wir doch, obwohl wir gemeinsame Wurzeln haben: Wir sprechen nicht dieselbe Sprache. Das Judentum „spricht“ rabbinisch, und wir Katholiken „sprechen“ katholisch. Da müssen wir immer „übersetzen“, um einander zu verstehen. Das Allernotwendigste ist Bildung, Wissens-Bildung und Herzens-Bildung. Das richtige Wissen über den anderen ist notwendig, damit wir einander mit Respekt begegnen können. Kirchlichem Anti-Judaismus und Antisemitismus muss ganz klar entgegengetreten werden. Leider gibt es da noch sehr viel zu tun. Etwa die Grenzen des anderen zu respektieren. Das zu lernen ist auch eine große Aufgabe. Mein Wunsch wäre es, auch die Liturgie kritisch zu betrachten im Hinblick auf das Judentum: Wie begegnen wir in der Liturgie dem Judentum? Wie sehen unsere liturgischen Texte aus? Da gibt es noch einiges zu tun. Mein größter Wunsch allerdings ist, dass jeder Katholik, jede Katholikin, einen jüdischen Freund, eine jüdische Freundin haben sollte.

 

Sie sind seit April 2015 Diözesanbeauftragter für christlich-jüdische Zusammenarbeit in der Erzdiözese Wien? Was macht ein Diözesanbeauftragter?

 

Ferenc Simon: Neben meinen vielen Aufgaben liegt mir diese Aufgabe sehr am Herzen. Ich sehe meine Aufgabe in der Bekämpfung des Anti-Judaismus und Antisemitismus im kirchlichen Bereich, in Wort und Tat dies abzubauen bzw. Begegnungen zu ermöglichen. Auch die Aufklärung gehört zu meinen Aufgaben, das verzerrte Bild des Judentums zurechtzubiegen, und natürlich das verantwortungsbewusste Reden und Tun im Hinblick auf das Judentum. Sowie Kontakte zu pflegen und einfach da zu sein, damit unsere älteren Brüder wissen, ich bin das diözesane Bindeglied zwischen Katholiken und Judentum.

 

Was haben Sie persönlich vom Judentum gelernt?

 

Ferenc Simon: Sehr viel. Meine ganze Einstellung zur Bibel, ja auch zu Jesus, hat sich enorm verändert seit der Zeit, in der ich mich intensiv mit dem Judentum auseinandergesetzt habe. Jetzt sehe ich viel tiefer und gelassener. Es gibt viel Wichtigeres, als über Nebensächlichkeiten zu streiten: In der Bibel gibt es sehr viel Stoff, über den nachzudenken es sich lohnt.

 

Jesus war Jude, ist uns dies immer bewusst?

 

Ferenc Simon: Nein, das ist ja das Problem. Es ist nicht jedem Katholiken bewusst, dass Jesus als Jude geboren wurde, aufgewachsen ist, gelebt und gelehrt hat, gestorben und auferstanden ist. Die Kirche hat die jüdische Abstammung Jesu jahrhundertelang verdrängt. Erst in den letzten Jahrzehnten ist dieses Wissen innerkirchlich – Gott sei Dank - wieder mehr und mehr präsent geworden.