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Der Sonntag
10.02.2016

Keiner ist sich selbst der Nächste

„Nächstenliebe im Sinne Jesu meint eindeutig Zuwendung zu dem, der gerade in Not ist.“

Wer ist mein Nächster? Um diese Frage kreiste eine kleine Kontroverse zwischen Kardinal Schönborn und dem Präsidentschaftskandidaten Andreas Khol.

 

Dieser hatte mit Blick auf die Flüchtlingswelle erklärt: „Nächstenliebe kann nicht nur eine Fernstenliebe sein. Charity begins at home – wir müssen zuerst auf unsere Leut’ schauen.“

 

 

Der Kardinal entgegnete: „Nächstenliebe im Sinne Jesu meint eindeutig Zuwendung zu dem, der gerade in Not ist.“

 

Und Khol lenkte ein: Nächstenliebe „beginnt, aber endet nicht im eigenen Haus“. Es könne daher „nur ein sowohl als auch“ geben.


Mir hilft hier eine begriffliche Unterscheidung. Wenn ich der eigenen Familie zuerst beistehe, dann deswegen, weil es meine Pflicht ist.

 

Meine Pflicht als Vater, als Bruder, als Sohn. Nicht, weil meine Familie mir näher wäre oder weil ich sie mehr liebe als andere.

 

Nächstenliebe ist eine Herzenshaltung, die Menschen nicht einteilt, sondern nur auf ihre Not schaut.


Für mich ist das wichtig bei der Frage, ob wir vornehmlich verfolgten Christen helfen sollten: Wenn Menschen hierherkommen, weil sie in Not sind, sind sie meine Nächsten – ihre Not muss mein Herz rühren und mich zum Helfen treiben, egal welche Religion sie haben.

 

Aber es ist auch klar, dass ich mich aus christlicher Solidarität auch gezielt um meine Glaubensgenossen kümmern darf und soll.

 

So wie die Erzdiözese, die Flüchtlinge aller Religionen versorgt, aber sich auch dafür engagiert hat, dass gefährdete christliche Familien aus dem Nahen Osten gerettet werden.


Es ist letztlich wohl egal, ob man sich auf Nächstenliebe oder Standespflicht beruft, wenn man Gutes tut.

 

Aber würde man  Fremden die Hilfe verweigern, kann man das nie mit Nächstenliebe begründen. Nur mit Gruppenegoismus.