Papst Franziskus und Patriarch Kyrill I. von Moskau werden am Freitag, 12. Februar 2016 in Havanna eine gemeinsame Erklärung unterzeichnen, die bereits fertig ist - mit der Möglichkeit von kleinen Änderungen, die bis dahin noch vorgenommen werden: Das sagte der Leiter des Moskauer kirchlichen Außenamts, Metropolit Hilarion, bei einer Pressekonferenz auf dem Flughafen Wnukowo am Donnerstagvormittag.
Im Anschluss bestieg er mit Kyrill das Flugzeug nach Kuba, wo die russisch-orthodoxen Würdenträger am Donnerstagabend von Präsident Raul Castro empfangen werden. Genau 24 Stunden später will Castro Franzikus begrüßen, der Freitag früh von Rom abfliegt.
Erster Programmpunkt des Patriarchen in Havanna wird laut kubanischer Presseagentur "Prensa Latina" am Donnerstag der Besuch des Kindererholungsheims "Centro de Rehabilitacion infantil Solidaridad con Panama" sein. Am Freitag folgt der historische Gipfel Papst-Patriarch, am Sonntag eine feierliche Liturgie in der orthodoxen Kathedrale "Nuestra Senora de Kazan".
Bei dem Treffen zwischen Papst und Patriarch werde es "um ganz konkrete Themen und Probleme gehen", sagte der Präsident des Päpstlichen Rates für die Einheit der Christen, Kardinal Kurt Koch, am Mittwoch im Gespräch mit "Radio Vatikan". Koch deutete auch an, dass die Aussage von Papst Franziskus auf dem Rückflug aus Istanbul im November 2014, er würde Patriarch Kyrill überall und zu jedem gewünschten Zeitpunkt treffen wollen, auf Moskauer Seite zu einer Öffnung geführt habe.
Der Ökumene-Kardinal verwies zudem auf die Aussage Metropolit Hilarions vor einer Woche, dass von russisch-orthodoxer Seite ausdrücklich keine Begegnung in Europa gewünscht gewesen sei, weil die Kirchenspaltungen von Europa ausgegangen seien. Koch: "Alle kirchlichen Gipfeltreffen wollen ja nicht eine Fortführung der Kirchenspaltung sein, sondern eine Überwindung der Spaltung. Deshalb hat man Kuba gewählt."
Natürlich werde man bei dem Gespräch in Havanna nicht alles behandeln können, sagte Kardinal Koch. Es würden aber sicher die zentralen Fragen zur Sprache kommen - nämlich jene, "die die beiden Kirchenführer persönlich und von ihrer Kirche her betreffen".
Ein Thema werde auch die Ukraine sein. "Der russisch-orthodoxe Patriarch ist sehr betroffen von der Situation in der Ukraine, und auf der anderen Seite ist natürlich auch der Papst sehr betroffen über den bewaffneten Konflikt, den es in der Ukraine gibt und die Schwierigkeiten, die sich in den Beziehungen zwischen der griechisch-katholischen Kirche und der orthodoxen Kirche ergeben. Die griechisch-katholische Kirche ist Teil unserer Kirche. Das berührt und betrifft den Papst sehr", so der Schweizer Kurienkardinal: "Ich denke schon, dass es unmöglich ist, zusammenzukommen und über diese Frage nicht zu reden."
Auf die Frage, ob die Kritik wegen einer vermuteten zu engen Verbindung der russisch-orthodoxen Kirche mit der russischen Politik das Treffen auf Kuba beeinflussen werde, meinte Koch: "Man muss zunächst einmal sehen, dass in der orthodoxen Tradition ein ganz anderes Verhältnis zwischen Kirche und Staat gegeben ist als in der katholischen Kirche, weil wir uns als universale Kirche verstehen - da ist die Beziehung zwischen Kirche und Staat in den einzelnen Nationen nicht so eng" wie in der Orthodoxie. Aber in Havanna gehe es nicht um die Begegnung von zwei politischen Gestalten, sondern um "ein Treffen von zwei religiös-spirituellen Persönlichkeiten".
Beide seine aber "von den großen politischen Fragen wie Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung, Sorge um die Armen, Christenverfolgung" betroffen. "Von daher wird das Gespräch in Havanna auch politische Fragen berühren", erläuterte der Kardinal.
In einem "Kathpress"-Interview von Mittwoch ging er auch um frühere Ökumenehindernisse wie den Proselytismus (das aggressive Abwerben von Kirchenmitgliedern) ein. Moskau habe noch vor 10 Jahren diesen Vorwurf gegenüber Rom erhoben, heute sei er "eigentlich nicht mehr zu hören", sagte Koch. "Auf der anderen Seite stellt die Weltsituation so große Herausforderungen, dass die Christen sich verpflichtet sehen, intensiver zusammenzuarbeiten." Und natürlich spiele die Persönlichkeit von Papst Franziskus eine nicht unwesentliche Rolle.
Er erwarte sich von dem Treffen "konstruktive Perspektiven in die Zukunft hinein", die zur Vertiefung der Beziehungen zwischen Rom und Moskau beitrügen, so Koch. Zugleich dürfte es auch Impulse für die Orthodoxie insgesamt haben, die derzeit auf dem Weg zu einem panorthodoxen Konzil sei. Er höre bei den orthodoxen Kirchen derzeit sehr positive Reaktionen auf das Treffen in Havanna. Aus der Begegnung von Franziskus und Kyrill werde sich ergeben, wie die Kontakte zwischen Rom und Moskau künftig weitergehen könnten, so Koch.
Nicht äußern wollte er sich zur Frage, ob ein Papstbesuch in Moskau damit wahrscheinlicher werde. "Davon ist im Moment nicht die Rede." Aber wenn nach so langer Zeit ein erstes Treffen zustande komme, dürfe ein zweites leichter zu organisieren sein.
Der Wunsch von Patriarch Kyrill nach einem Treffen mit dem Papst sei schon mehrere Jahre alt, berichtete Koch. Seine Behörde und der Moskauer Außenamtschef Metropolit Hilarion hatten in langen Geheimverhandlungen die Weichen für das Treffen gestellt.
Inzwischen hätten sich "Bedingungen, die erfüllt sein mussten, um diesen Wunsch zu realisieren" geändert. "Wenn Benedikt XVI. nicht zurückgetreten wäre, dann wäre das Treffen mit ihm zustande gekommen", gab Koch sich überzeugt. Solche Hinweise habe er auch in Moskau gehört.
Für den Fortgang der Ökumene erwartet sich Koch von dem Treffen wesentliche Impulse. In Havanna träfen die Spitzen von zwei großen Kirchen zusammen, um wichtige Fragen zu erörtern, und damit wichtige Agenden der Ökumene gemeinsam miteinander zu vertiefen. Die Orthodoxie habe sich entschlossen, dass der theologische Dialog nicht mit einzelnen Kirchen geführt wird, sondern nur mit allen zusammen. "Wenn nun aber die bilateralen Beziehungen mit Moskau vertieft werden, darf man auch Einfluss auf den gesamten theologischen Dialog erwarten und erhoffen."