Die Häuser im Flüchtlingslager in Beirut standen dicht beieinander, man wusste, was die Nachbarn kochten, wer Geld hatte und wer nicht. „Auf Gascampern haben die älteren Menschen Kaffee geröstet“, erzählt Marwan Abado. „Ich erinnere mich an vier Bäume, sie stehen heute noch dort.“
Keine Kindheitsidylle, denn Krieg war die Routine. Bewaffnete junge Männer standen vor der Haustür, Verwandte wurden erschossen, auf den Begräbnissen sangen sie Revolutionslieder.
Einmal spendeten die Eltern für eine Glocke, die für das Heimatdorf in Galiläa gegossen werden sollte. Da bekam Marwan mit, dass das Lager nicht das Zuhause war.
Als er elf Jahre alt war, wurden sie aus dem Lager vertrieben.
„Das war das Geschenk mitten im Krieg!“, sagt Marwan Abado. Der Vater bekam einen Job als Hausmeister im Gebäude der Kunstakademie im noblen Westen Beiruts und die Familie bezog die Hausmeisterwohnung.
Theater und Musik wurden sein neues Zuhause. Marwan mischte sich unter die Studenten, schloss sich einer Musikgruppe an und kaufte sich eine Oud, die arabische Kurzhalslaute.
Besser ein Musikinstrument in der Hand als eine Waffe, dachten die Eltern. Doch Marwan spielte politische Lieder, sympathisierte mit linken Ideen.
Die Eltern sorgten sich, nach dem Schulabschluss schickten sie den 18-Jährigen zu seinem Bruder nach Wien. „Das hat wahrscheinlich mein Leben gerettet“, weiß er heute.
Wien war ein Kulturschock. Der Schulabschluss wurde nicht anerkannt und Marwan Abado musste die Matura nachholen.
Die deutsche Sprache aber faszinierte ihn und in Wien erlebte auch eine neue Freiheit.
Trotzdem, die Sehnsucht nach Beirut hielt an.
Melancholie ist auch heute Teil seiner Musik. „Mit Musik muss man erzählen können, von Abschied und Einsamkeit - und von der Liebe.“
Aber seine Musik ist mehr, sie verlässt vertraute Plätz, verbindet orientalische Improvisation und Jazz.
„Irgendwann habe ich begonnen, nicht mehr zu vergleichen. Denn wer vergleicht, der wertet. Ich nehme aus beiden Kulturen das Schöne.“
Auf seiner neuen CD „Pfad der Liebe“ –gemeinsam mit Paul Gulda – treten Cembalo und Oud, Johann Sebastian Bach und der Orient in einen Dialog.
Derzeit hält er Workshops für jugendliche Flüchtlinge, eine Art „mobile Musikschule“.
Denn Marwan Abado kennt ihr Schicksal: „Man kann es überwinden, wenn man eine ausgestreckte Hand erlebt und jemand sagt: Herzlich willkommen!“