Das Gottesvolk hat über die Jahrhunderte eine ansehnliche Anzahl an Vorschriften, Verhaltensregeln, Urteils- und Vollzugsanweisungen gesammelt.
Vieles davon findet man in den ersten Büchern des Alten Testaments, den sog. „fünf Büchern Mose“ oder „Tora“.
Im heutigen Evangelium hören wir von Pharisäern und Schriftgelehrten, die wissen wollen, wie Jesus es mit diesem Gesetz des Mose hält.
Der Anlass bietet sich ihnen in Gestalt einer Frau, die auf frischer Tat beim Ehebruch ertappt wurde. Nach Dtn 22,22 müsste sie (zusammen mit dem ehebrechenden Mann) getötet werden.
Jesus fragt nicht nach dem fehlenden Ehebrecher.
Er nimmt die Anklagenden in den Blick: Wer, von den Anwesenden, kann von sich sagen, dass er ohne Schuld wäre? Beschämt wenden sich die Ankläger zum Gehen.
Die Gerechtigkeit verlangt, dass Gesetzesbrecher bestraft werden.
Die Barmherzigkeit aber bringt Mitgefühl, Mitmenschlichkeit, Solidarität zum Vorschein.
Wo bleibt da die Gerechtigkeit? Wird sie durch die Barmherzigkeit ausgehöhlt?
Gesetze sind keinesfalls unterzubewerten. Sie müssen eingehalten werden, damit der Raum des Zusammenlebens geschützt ist und Leben sich innerhalb dieser Grenzen gut entfalten kann.
So gesehen, dienen Gesetze der Liebe. Aber dieses Ziel wird gerade verfehlt, wenn Gerechtigkeit als bloße Einhaltung von Gesetzen missdeutet wird.
In der konkreten Situation ermöglicht Jesus, dass sich die Schriftgelehrten und Pharisäer ihrer Hartherzigkeit stellen und ihr Mitgefühl für die ehebrechende Frau entdecken.
Für die Frau eröffnen sich ihrerseits neue Lebensmöglichkeiten. Indem sie nicht verurteilt wird, kann sie sich aus ihrer Situation befreien und neue Perspektiven gewinnen.
Barmherzigkeit bedeutet also nicht, dass die Strafe einfach aufgehoben und die Tat vergessen wird. Barmherzigkeit behält die Tat im Blick, eröffnet aber die Chance eines Neubeginns.
Das heißt: Gerechtigkeit kann ohne Barmherzigkeit ihr Ziel nicht erreichen.
Um dieser Gerechtigkeit willen, würde ich es schön finden, wenn auch der ehebrechende Mann in dieser Schriftstelle vorkommen würde. Schade, dass er nicht die selbe Chance erhält, wie die Frau.
Aber wer weiß. Johannes schreibt ja am Ende seines Evangeliums: „Wenn man alles aufschreiben wollte, so könnte, wie ich glaube, die ganze Welt die Bücher nicht fassen, die man schreiben müsste.“ (Joh 21,24).