In der Bibel wirkt Gott in der Welt und am Menschen. Wie ist das zu verstehen?
BÜCHNER: In der Bibel lesen wir von Menschen, die erfahren haben, dass Gott in der Welt handelt.
Zum einen ganz grundlegend: indem er Leben schenkt auf allen Ebenen, indem er das Leben segnet und seinen Fortbestand garantiert.
Zum anderen aber auch punktuell, im ganz persönlichen Lebensweg von Menschen: als Retter in einer verfahrenen Lebenssituation oder indem er beauftragt zu einem bestimmten Tun.
Gott kommuniziert also mit den Menschen und versucht sich ihnen mit seiner Intention verständlich zu machen.
Aber genauso präsent ist die gegenteilige Erfahrung: Eine ersehnte Hilfe durch Gott bleibt aus, viele Texte sind Ausdruck der erfahrenen Abwesenheit oder Geheimnishaftigkeit Gottes.
Wenn wir das Handeln Gottes verstehen wollen, müssen wir zunächst diese Pluralität der biblischen Zeugnisse berücksichtigen.
Wie greift Gott auch heute ins Leben der Menschen ein?
BÜCHNER: Wenn ich behaupte: Gott hat da und dort in das Leben eines Menschen eingegriffen (etwa indem er ihn aus schwerer Krankheit geheilt hat), dann muss ich mich zugleich fragen lassen: Wieso hat er in das Leben eines anderen nicht – jedenfalls nicht in derselben Weise – eingegriffen?
Wenn wir über das „Wie“ nachdenken wollen, dann müssen wir jedenfalls über ein eindimensionales Handlungsschema, dessen Wirkungen objektiv und eindeutig beschreibbar wären, hinausdenken.
Wenn Gott liebend und daher stets nur in Kommunikation mit der Welt und ihren Akteuren wirkt, dann sind an einem Geschehen immer mehrere Größen beteiligt, die, gerade wenn sie ihren Daseinsgrund in einem Gott haben, der sich auf die Welt und ihre Freiheit einlässt, dessen eigentliche (Liebes-)intention auch verstellen können.
D. h. göttliche Aktivität bindet sich an die weltliche. Wenn das so ist, kann sie sich desto mehr als sie selbst (als Liebe) zeigen, je mehr endliche Größen sich auf sie einlassen können.
Wie handelte Gott bisher in Ihrem Leben?
BÜCHNER: Wenn wir davon ausgehen, dass Gottes Handeln nicht objektiv, sondern nur in Beziehung verifizierbar ist, dann ist das eine Frage, inwieweit ich Geschehnisse in meinem Leben von Gottes Wirken mitbestimmt sehe.
Im Glauben an Gott kann ich sagen, Gott handelt ständig in meinem Leben, aber eben so, dass ich es meistens gar nicht bemerke.
Etwa wenn ich spazieren gehe und der Gesang eines Rotkehlchens mich trifft, wenn ich einen guten Gedanken habe, wenn ich in einem Gespräch das Gefühl habe: der andere versteht genau, was ich meine und umgekehrt; – das alles kommt ja weder von mir selbst, noch vom anderen, wir sind zwar wesentlich daran beteiligt, aber ohne, dass wir das Geschehen in der Hand hätten.
Ein Nicht-Gläubiger mag das anders interpretieren, aber im Glauben kann ich sagen: Überall, wo etwas gelingt, was nicht auf Kosten von anderen geht, entfaltet Gottes Handeln Wirkung.
Nicht nur dass Schlimmes geschieht, ist erklärungsbedürftig (und macht die Theodizeefrage unabweisbar), auch dass Positives, dass Liebe geschieht, ist äußerst erklärungsbedürftig in dieser Welt, die zu weiten Teilen auf dem Gesetz der Konkurrenz basiert.