Eine Geschichte aus

Die Zeitung der Erzdiözese Wien
Als ich ein Kind war, war ich oft in der Wüste.
Die Wüste in meiner Heimat ist steinig und viele Felsen luden uns zum Klettern ein. Gerne streiften wir in der Umgebung herum und ließen die Zeit vergehen.
Oft waren wir auf der Suche nach Abenteuern und waren erstaunt über das plötzliche Dasein von Pflanzen oder Tieren.
Es war eine Zeit der Unbeschwertheit in dieser Weite genauso wie eine sehr prägende Zeit der Freundschaft mit den wandernden Beduinen.
Ich genoss die Abende mit diesen Menschen, die hart und einfach – aber gerecht und ehrenhaft sind. Die alten Männer erzählten unzählige Geschichten und wir Jungen saßen und lauschten mit großen Augen – und lernten ihre alten Weisheiten.
Ein Sprichwort von sehr vielen habe ich mir verinnerlicht und benutze es gerne heute noch in meiner Sprache: „Erzählt ist nicht wie erlebt.“
Oftmals habe ich es benutzt, wenn ich das Gefühl hatte, ich könnte etwas nicht wahrhaft erklären. Mit der Zeit spürte ich, dass dieses einfache Sprichwort eine sehr große Tiefe besitzt und ich verblieb in vielen Fragen lieber still – wie die wandernden Beduinen.
Ich verfolge die Geschehnisse in Syrien und in der arabischen Welt ständig, besonders das Schicksal der Christen.
Es macht mich sehr traurig mitanzusehen, was mit meinen Glaubensgeschwistern geschieht. In meinem Kopf ist dieses Bild von jungen Männern, die Hände hinter dem Rücken gefesselt, auf die Knie gedrückt. Manche haben ein Lächeln auf dem Gesicht.
Es hat lange gedauert, bis ich ihre Lippen lesen konnte und ihre letzten Worte verstand. Sie rufen in unserer Sprache: „Jesus, du rettest uns!“ „Jesus, du bist unser Herr!“ Andere rufen: „Jesus, wir kommen zu dir!“
Als orientalischer Christ erlaube ich mir an diejenigen Menschen eine Botschaft zu richten, die mit Worten und Taten verurteilen – offenbar ihre Wahrheiten gefunden haben, dass wir keine wahren Gläubigen wären oder dass wir feig wären! Im Gegenteil:
Wir leben in der Wüste, aber die Wüste lebt nie in uns. Mit aller Brutalität und tiefem Hass werden wir heute wieder verfolgt und getötet, von Menschen, die glauben, sie könnten uns wahrhaftig alles nehmen.
Welch Wut und welch Unverständnis ist unter ihnen zu erkennen, wenn sie verstehen, dass diese Menschen ihren Glauben niemals leugnen werden, vielmehr noch im Angesicht des Todes treu unserem Herrn Jesus Christus nachfolgen.
Als ich noch in der Wüste war, hörte ich von einem alten Scheich eine Lehre, die ich hier erwähnen möchte.
Wir waren auf einer langen Reise und gelangten an unser Ziel als er beiläufig sagte:
„Ja, ja, Opfer bringen kann jeder,
der Unterschied unter den Menschen ist:
Manche opfern sich für andere,
manche opfern aber andere für sich.“
Die Wüste – ich sehne mich nach ihr. Die rauen Nächte und der sternenklare Himmel in der Dunkelheit. Treue Menschen mit einer klaren Orientierung. Ein Ort sich selbst und Gemeinschaft zu finden.
In der letzten Zeit frage ich mich, ob es noch Menschen gibt, die sich in der Wüste mutig auf die Suche nach Blumen machen.