"Wir brauchen angesichts der tausenden Kinder und Jugendlichen, die im Zuge der Flüchtlingsbewegungen verschwunden sind, eine bessere Bewusstseinsbildung und den gesellschaftlichen Willen, etwas zu ändern": Das forderte der Wiener Weihbischof Franz Scharl am Mittwoch, 16. März 2016, in Wien bei einem Gesprächsabend der kirchlichen Initiative "RunderTisch Menschenhandel" zum Thema "Verschwundene Kinder und Jugendliche auf der Flucht!" Jeder Einzelne müsse den Mut aufbringen hinzuschauen und nachzuforschen, nur dann könne man in Summe auch etwas erreichen, um ein viel zu wenig beachtetes Problem zu bekämpfen, zeigte sich Scharl überzeugt.
Der Weihbischof war Teilnehmer eines Podiumsgespräches mit der Journalistin Anneliese Rohrer, die sich in einer ihrer letzten Kolumnen mit dem Schicksal der verschwundenen Kinder und Jugendlichen auseinandergesetzt hatte. Sie nannte die aktuelle Flüchtlingskrise ein "offenes Geschäftsfeld" für Menschenhändler, sehe aber kaum Willen von Seiten der Politik, dem Einhalt zu gebieten.
Scharl forderte als Ziel einer gemeinsamen europäischen Politik ein, die "Nährlösung" für den Menschenhandel auszutrocknen. Dies gelinge am besten, indem man die Armut in den Herkunftsländern der Flüchtlinge bekämpft. "Niemand begibt sich freiwillig in die Hände von Fremden und liefert sich ihnen aus", aber wenn die Perspektive in der Heimat nur Armut ist, schenke man den leeren Versprechungen der Menschenhändler Glauben, wies der Wiener Weihbischof hin.
Die Erlöse aus dem Menschenhandel hätten mit geschätzten 42 Milliarden Dollar in den letzten Jahren bereits die des illegalen Waffenhandels überholt, erklärte Anneliese Rohrer. Dies betreffe generell nicht nur die kürzlich verschwundenen Kinder und Jugendliche, sondern auch viele Frauen die von Menschenhändler zur Prostitution gezwungen würden. In der aktuellen Flüchtlingskrise hätten die Verbrecher allerdings leichtes Spiel, und die Methode sei immer die Gleiche: Versprechungen eines besseren Lebens locken verzweifelte junge Menschen in eine neue "Obhut", die dann oft auch in der Pädophilen-Szene oder in Sklaverei ende.
Trotz dieser Tatsachen sehe Sie keinerlei politischen Willen, an dieser Situation etwas zu ändern, so Rohrer. Gerade in der aktuellen Flüchtlingskrise sei auch für Staaten wie Österreich jede Person, die aus der staatlichen Versorgung verschwindet, eine weniger, um die man sich kümmern müsse. Deswegen würde diesen Abgängen meistens nicht weiter nachgegangen. Dieser "zynische" Umgang mit der Situation sei für sie nur schwer nachzuvollziehen, aber in Zeiten, in denen man mit einer harten Hand in Sachen Flüchtlingen eher Wahlen gewinnt als mit einer Willkommenskultur, auch nicht weiter verwunderlich, gab sich Rohrer illusionslos.
Sie sehe aber durchaus für jeden Einzelnen die Möglichkeit, etwas zu tun, wenn man mit einer Situation nicht einverstanden sei. Wenn sich viele bei einem Thema beispielsweise bei einer Zeitung melden, werde diese irgendwann nicht mehr davon absehen können, über das Thema zu berichte. So käme die Problematik über die Medien letztlich auch in der Politik an, zeigte sich die Journalistin überzeugt.
Es sei die Pflicht eines jeden Christen, der Wahrheit ins Auge zu schauen, appellierte Scharl. Man müsse Aufmerksamkeit innerhalb der Gesellschaft schüren, die Gleichgültigkeit bekämpfen und selbst aktiv werden. Das Gebet alleine reicht laut Scharl nicht aus, "wir müssen versuchen, die jungen Menschen zu begleiten und ihnen Perspektiven geben", auch wenn dies ein langwieriger Prozess sei. Für Einzelpersonen sei es natürlich unmöglich, sich um alle zu kümmern, aber "wenn ich einen begleite, ist das schon besser als wenn ich keinen begleite".
Dem Gespräch am Stephansplatz ging eine Vesper mit Gebet für die verschwundenen Flüchtlinge in der Wiener Deutschordenskirche voran. Organisiert wurde die Veranstaltung von der Österreichischen Bischofskonferenz, der Österreichischen Kommission "Justitia et Pax" sowie von "Solidarität mit Frauen in Not" (Solwodi).