Die Caritas geht in die Offensive gegen den Missstand, dass in Österreich viel zu viele Lebensmittel im Müll landen. Bei einem gemeinsamen Besuch mit Umweltminister Andrä Rupprechter in einer Wiener "Le+O"-Ausgabestelle der Caritas erinnerte Caritas-Präsident Michael Landau an das bisher nicht umgesetzte Ziel der Bundesregierung, den Anteil an Essbarem im Müll um 20 Prozent zu reduzieren. Hier sei bisher "nicht viel geschehen", bemängelte er in einem "Kurier"-Bericht am Donnerstag, 24. März 2016. Landau regte wie schon im Vorjahr einen Krisengipfel mit verantwortlichen Bundespolitikern an, dessen Ergebnis eine permanente Plattform mit Nahrungsproduzenten, Handelsvertretern und Nichtregierungsorganisationen sein sollte, die konkrete Hilfsprojekte ausarbeitet. "Hier gibt es noch Luft nach oben", befand Landau.
Der Caritas-Chef wies darauf hin, dass der Druck auf die Menschen am Rand der Gesellschaft ständig steige. In der Caritas-Obdachloseneinrichtung "Gruft" in Wien-Mariahilf seien im Vorjahr 117.000 Mahlzeiten ausgegeben worden - "mehr als je zuvor". In den 16 Ausgabestellen der Caritas würden pro Woche zwölf Tonnen Lebensmittel verteilt; 2015 seien damit 4.800 Haushalte im Raum Wien mit insgesamt 675 Tonnen Lebensmittel unterstützt worden. Zugleich landen jedes Jahr in Österreich 760.000 Tonnen Lebensmittel im Müll, wie aus einer am Dienstag veröffentlichten Studie hervorgeht.
Landau erhofft sich politische Weichenstellungen gegen die derzeit "überbordenden Hygienevorschriften", die verhindern, dass Lebensmittel nach dem Ablaufdatum noch an Bedürftige weitergegeben werden. Auch sollten Waren mit Etikettenmängeln nicht automatisch an den Produzenten zurückgehen, sondern direkt in die Ausgabestellen. Zu einer Gesamtstrategie gehören laut Landau auch bewusstseinsbildende Maßnahmen wie das von Rupprechter angeregte Gütezeichen für Geschäfte oder Supermärkte, die der Verschwendung entgegenwirken.
Der Umwelt- und Landwirtschaftsminister wies darauf hin, dass der größte Anteil an weggeworfenen Lebensmitteln auf Privathaushalte entfällt. Hier sei vor allem Bewusstseinsbildung vonnöten. "Ich will keine Gesetzgebung, wo neben jedem Müllcontainer ein Müllwächter steht." Hier gehe es um Eigenverantwortung der Konsumenten statt um "Anlassgesetzgebung". Bei der Regelung des Mindesthaltbarkeitsdatums für Lebensmittel verwies Rupprechter auf die Zuständigkeit des Gesundheitsministeriums.
Grundsätzlich mache ihn das Thema Armut betroffen, sagte der Minister. "Vor allem als Christen ist es unsere Aufgabe, im Heiligen Jahr der Barmherzigkeit einen besonderen Fokus darauf zu legen."
Bereits im Mai 2015 hatte Caritas-Präsident Landau einen Vorstoß gestartet, mithilfe von Politik und Handel die Menge an weggeworfenen Lebensmitteln substanziell zu reduzieren. Einen Impuls dazu sollte ein Runder Tisch geben, gemeinsam getragen vom Umweltministerium und vom Bundeskanzleramt. Vorbild ist - bis zu einem gewissen Grad - Frankreich, wo per Gesetz verordnet wurde, dass weniger Essen im Müll landet und und es dafür mehr Hilfe für Bedürftige gibt. Ähnliches wurde im SPÖ-ÖVP-Regierungsprogramm festgeschrieben. Landau vor zehn Monaten: "Mein Appell an die Politik ist, das Thema gehört nicht auf die lange Bank geschoben."